Auf die Größe kommt’s an

Wer einmal im zauberhaften Land Oz war, der wird immer zurück wollen. Zurück auf den gelben Backsteinweg, zurück in die Smaragdenstadt, zurück zu den Munchkins und ihren putzigen Tänzen. Zurück zu Dorothy und ihren Freunden – dem Zinnmann, dem feigen Löwen und der Vogelscheuche. 1939 hatte sich das Quartett auf den Weg zum „Zauberer von Oz“ gemacht: Er sollte Dorothy helfen, nach Hause zu kommen. Sam Raimi zeigt in seiner ausgezeichneten Quasi-Vorgeschichte „Die fantastische Welt von Oz“, wer dieser Zauberer von Oz eigentlich ist: ein Meister der Illusion und ein Mann auf der Suche. Beruhigend altmodisch in seiner Erzählweise, ist der Film zugleich ein liebevolle Hommage an sein Klassiker-Vorbild. Mit moderner Tricktechnik und fantastischer 3D-Umsetzung, die hier sogar Sinn macht: weil sie selbstbewusst und technisch perfekt eingesetzt tatsächlich das Vorstellungsvermögen erweitert.

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Was das Mädchen mit dem schrecklichen Heimweh damals nicht wusste: Oz ist gar kein Zauberer, jedenfalls kein richtiger. Wie Dorothy stammt auch Oz, von James Franco als im Grunde tieftrauriger Clown mit jederzeit abrufbarem Grinsen gespielt, aus dem staubigen Kansas. Dort schlägt er sich durch ein Leben als fahrender Jahrmarktszauberer.

Er schafft Illusionen und macht mit seiner Show sein Publikum sogar für ein paar Minuten glücklich. Erfüllung findet er in seiner Scheinwelt freilich nicht. Auch wenn ihm die hübschen Assistentinnen die Bude einrennen. Hinter Oz’ Schwerenöter-Fassade steckt ein Suchender. Aber was kann er in Kansas schon finden? Er sehnt sich, darin ist er Dorothy sehr ähnlich, nach Farbe in seinem Leben. Er will ein großer Mann werden, er will etwas hinterlassen.

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Sam Raimi ging mit „Die fantastische Welt von Oz“ ein Risiko ein: Er wagte es schließlich, eine Art Heiligtum des großen, alten Hollywoods zu modernisieren. Natürlich verbeugt er sich vor „Der Zauberer von Oz“, zitiert inhaltlich und formal aus dem Film. Aber, und das macht die Rückkehr nach Oz zu einem formidablen Kinoerlebnis, der Regisseur nimmt sich die Freiheit, nicht in Ehrfurcht zu erstarren.

Auch Raimi beginnt mit freudlosen Schwarzweiß-Bildern. Farbe kommt erst ins Spiel, nachdem Oz von einem Tornado in das Fantasiereich getragen wurde, das seinen Namen trägt. Dort trifft Oz auf die hübsche Theodora (Mila Kunis), die sich sogleich in den unverbesserlichen Charmeur verliebt, der als Retter gefeiert und sofort als König eingesetzt wird: Er wird das Land laut Prophezeiung von einer finsteren Hexe befreien. Allerdings hat Oz in Oz anderes vor. Reich will er werden und dann schnellstmöglich wieder weg.

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Als Meister der Illusion gelingt es ihm ganz gut, seine Untertanen zu täuschen. Nur Theodoras Schwester Evanora (Rachel Weisz) durchschaut ihn und schickt ihn auf den Weg zur bösen Hexe. Oz soll Glindas (Michelle Williams) Zauberstab zerbrechen. Dann kann er ihretwegen auch wieder verschwinden. Doch leider ist im Märchenreich nicht alles so, wie es scheint. Die Bösen sind nicht böse, die Guten sind nicht gut.

Das Land ist ein richtiger Intrigantenstadel, wie Oz mit seinem Diener, dem Affen Finley, und einer Porzellanpuppe, der er mit einem zauberhaften Trick das Leben rettet, herausfindet. In diesem Hexenkessel kann man leicht verrückt werden – und muss etwas Großes leisten, um ihn zu überleben. Pfiffig, mit viel Selbstironie und äußerst liebevollen Figuren schlägt Raimi Brücken ins Oz von 1939, ohne sich anzubiedern. Damals wie heute steht die Sehnsucht im Mittelpunkt, irgendwo anzukommen. Raimis Oz ist ein Mann, der auszog, seine Größe zu finden.

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„Ich sehe Dich in meinen Träumen“, hatte der Zauberer seiner Jugendliebe in Kansas gesagt. Und dort trifft er sie auch: als gute Fee, die ihm hilft, seine Selbstsucht zu überwinden. Dazu muss er nur ein paar Tricks aus seinem früheren Leben anwenden. Mit Klebstoff, Feuerwerksraketen und raffinierten optischen Täuschungen inszeniert Oz eine Show, die die Welt noch nicht gesehen hat und mit der er Oz vor dem Untergang bewahrt: in einem wundervollen Studiofilm in der Tradition alter Hollywoodschinken. Der feiert sich auch ein bisschen selbst: Das Träumen und der Zauber gehören schließlich seit jeher zum Kino.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Disney Enterprises
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Oz: The Great and Powerful
Genre: Fantasy
Freigabealter: 6
Verleih: Disney
Laufzeit: 123 Min.