Nichts vergessen

„Die Menschen neigen dazu zu vergessen“, klärt Maria Altmann (Helen Mirren) ihren jungen Anwalt auf. Aber die betagte Dame will nicht vergessen, dass sie als junge jüdische Frau nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich aus Wien fliehen musste. 60 Jahre später kehrt sie aus Los Angeles widerwillig in die Stadt zurück, aus der sie vertrieben wurde. Sie fordert ein Gemälde zurück, das einst ihrer Familie gehörte: „Die Frau in Gold“, ein nationales Kunstheiligtum des Jugendstil-Malers Gustav Klimt. In seinem nach „My Week With Marilyn“ (2011) zweiten Kinofilm beschäftigt sich der britische Regisseur Simon Curtis mit Nazi-Raubkunst und Restitution: Der Fall Cornelius Gurlitt zeigte jüngst in aller Deutlichkeit, dass dieses Kapitel der Geschichte noch längst nicht abgeschlossen ist.

Das ewige Warten wird sich lohnen: Maria Altmann (Helen Mirren) und ihr Anwalt Randy Schoenberg (Ryan Reynolds) brauchen viel Geduld in ihrem Kampf für Gerechtigkeit.

 

„Nicht mal den Namen haben sie uns gelassen“, empört sich Maria Altmann. Klimts Porträt „Adele Bloch-Bauer I“ hing jahrelang als „Die Frau in Gold“ im Wiener Museum Belvedere. Nach dem Tod ihrer Schwester erfährt die störrische, von der großartigen Helen Mirren mit sprödem Witz gespielte Dame, dass sie die rechtmäßige Erbin des millionenschweren Kunstwerks ist, auf dem ihre geliebte Tante verewigt wurde. Sie bittet den jungen Anwalt Randy Schoenberg (Ryan Reynolds) um juristischen Beistand. Als Enkel des berühmten Komponisten Arnold Schönberg ist auch er tief verwurzelt in der österreichischen Kulturgeschichte, gehört aber zu einer Generation, die die Verbrechen der Nazizeit nur aus den Geschichtsbüchern kennt.

 

Regisseur Simon Curtis hat „Die Frau in Gold“ als optimistisches Drama inszeniert. Sein Film ist Heldengeschichte und Justizthriller, vor allem aber der behutsame Blick in die Seele einer Frau, die ihrer Menschenwürde beraubt wurde und nun die Chance hat, ein wenig Gerechtigkeit zu erfahren. Auch wenn sich die Rechtsnachfolger des Nazi-Regimes ungern mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Mit kleinen Gesten macht Helen Mirren ihre Figur Maria Altmann erlebbar.

 

Die Geschichte von Maria Altmann und Randy Schoenberg basiert auf einer wahren Begebenheit. Österreich hatte Ende der 90er-Jahre die Rückgabe von Nazi-Raubkunst per Gesetz erleichtert – aber nur theoretisch. Denn in der Praxis werden Altmann und Schoenberg die Türen vor der Nase zugeknallt. „Die ganze Sache mit der Restitution ist doch nur ein PR-Gag“, klärt sie der von Daniel Brühl gespielte österreichische Enthüllungsjournalist Hubertus Czernin auf. Trotz aller Hindernisse wagt das ungleiche Duo aus Anwalt und Mandantin das Unmögliche. Schließlich geht es um mehr als ein Bild: Es geht darum, die Schuld anzuerkennen. Randy, eigentlich ein mittelmäßiger Advokat, findet einen cleveren Weg und verklagt die Republik Österreich – ein Präzedenzfall, der die beiden bis vor das oberste Verfassungsgericht der USA führt.

 

Der unbedarfte junge Anwalt und die alte unbeugsame Frau gehen sehr unterschiedlich mit der Geschichte um. Hier prallen Gegenwart und Vergangenheit nicht ohne Konflikte aufeinander. Schlussendlich stellen sie sich aber – aus unterschiedlichen Gründen – dieselbe Frage: Können Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren? Die Erinnerung an das erlittene Leid kann es jedenfalls nicht. In Rückblenden erlebt Maria ihre Kindheit und Jugend noch einmal: Sie trifft ihre Familie wieder, erlebt die bejubelte Machtübernahme der Nazis und die dramatische Flucht aus Wien. Ihre Erinnerungen sind lebendig, der Schmerz wird nie verheilen.

n Wien bekommen Randy Schoenberg (Ryan Reynolds, links) und Maria Altmann (Helen Mirren) wertvolle Tipps vom Enthüllungsjournalisten Hubertus Czernin (Daniel Brühl).

 

Der Film bekommt dadurch eine sehr intime Note: Große historische Ereignisse werden immer von normalen Leuten erlebt. Diese Erkenntnis ist es, die den Film, der nicht ohne Pathos auskommt, so sehenswert macht. Simon Curtis verdeutlicht das mit geschickter Beiläufigkeit: In einer Szene wollen die junge Maria und ihr Mann den letztmöglichen Flieger in die Freiheit besteigen. Sie müssen eine quälende Ewigkeit warten, weil die Passagierliste gründlich kontrolliert wird, um Juden an der Ausreise zu hindern: Abgeführt werden schließlich zwei andere Passagiere.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos:© SquareOne Entertainment
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Wider das Vergessen: "Die Frau in Gold" ist ein einfühlsames Drama über den Umgang mit Nazi-Raubkunst.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Woman In Gold
Genre: Drama
Freigabealter: noch unbekannt
Verleih: SquareOne
Laufzeit: 98 Min.