Eine Geschichte über die Liebe

„Liebe kennt der allein, der ohne Hoffnung liebt.“ Was für ein schöner Satz, von Schiller ersonnen. Hinein geht’s also in eine voluminöse Liebesgeschichte. Keine, die Schiller ersann. Sondern eine, die er – möglicherweise – selbst erlebte. „Die geliebten Schwestern“ lautet der betont schlichte Titel eines Historienfilms, der sich rein inhaltlich bisweilen gefährlich nah an einer TV-Seifenoper bewegt.

Weil alles aber eben gekleidet ist in die Umstände des späten 18. Jahrhunderts und mit eben solchen Worten erzählt wird, ist Dominik Grafs Dichterepos natürlich kein billig und verbraucht wirkender Beziehungstratsch. Das überlange Werk fordert seinem Publikum einiges ab. Es wird viel geredet, sehr viel geredet. Und streng genommen passiert wenig Äußerliches. Aber, die Bereitschaft zum historischen Ausflug vorausgesetzt, nimmt der Betrachter einiges mit aus dem Kino nach Hause.

Nicht zwischen zwei Frauen, sondern mit ihnen: Schiller (Florian Stetter) mit Charlotte (Henriette Confurius, links) und Caroline (Hannah Herzsprung).

 

Man übersieht es ja leicht. Aber Filme, die in Zeiten spielen, in denen es keine Telefone gab, haben stets etwas geradezu befreiend Schlichtes. Menschen müssen Aug in Aug reden. Und vor allem: Sie müssen womöglich viel Geduld haben, bis sie sich wiedertreffen können. Tage, ja Wochen können vergehen, bis ein junges Paar sich wieder vereint. Und bis dahin bleibt viel Gelegenheit zum Denken und zum Fühlen. War also Liebe damals etwas anderes als heute? War sie wertiger? Intensiver? Ernsthafter?

 

Fragen wie diese darf man sich stellen am Ende. Die Geschichte, die hier nun erzählt wird in diesem Film, ist sicher eine besondere. Damit sie aber Menschen von heute wirklich interessiert, bedurfte sie einer historischen Relevanz. – Schiller also. Der große Dichter. Weil sich aus Briefwechseln von damals vermuten lässt, er könne tatsächlich vorübergehend eine Liebesbeziehung zu zwei Frauen geführt haben, die zudem Schwestern waren, verfasste Autor und Regisseur Dominik Graf ein Drehbuch dazu. Drei Versionen des Films entstanden. Eine mit knapp 140 Minuten, die nun ins Kino kommt. Eine Festivalfassung von 170 Minuten, die im Februar bei der Berlinale uraufgeführt wurde. Und eine noch längere, die später bei der TV-Ausstrahlung als Zweiteiler gezeigt wird.

Als "Fritz" den beiden Schwestern Charlotte (Henriette Confurius, rechts) und Caroline (Hannah Herzsprung) schließlich seine Liebe gesteht, sind beide zu Tränen gerührt.

 

„Die Räuber“ sind geschrieben, doch Schiller (Florian Stetter) ist noch lange kein Star. Und reich ist er demnach auch nicht. In Weimar trifft er auf die junge Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius), die dort in den Diensten ihrer Patentante (Maja Maranow) zur Hofdame heranwachsen soll. Doch Charlotte fühlt sich nicht wohl, Verehrer wenden sich von ihr ab. Schiller, zu dieser Zeit nicht unbedingt eine sehr gute Partie, weckt jedoch ihr Interesse. Angetrieben wird diese Beziehung auch von Charlottes Schwester Caroline (Hannah Herzsprung), verheiratet mit Friedrich von Beulwitz (Andreas Pietschmann). Sie bittet Schiller, auf ihre kleinere Schwester zu achten und lädt beide darüber hinaus in ihre Heimat Rudolstadt ein.

 

Es folgt der Sommer, der einen Großteil des Films einnimmt. Die Liebe erwacht. Schiller genießt die Gegenwart beider Frauen. Und beide Frauen genießen ihn. Ohne Eifersucht. Eine klassische Ménage-à-trois entwickelt sich. Auf die erotische Komponente legt der Film dabei so gut wie keinen Wert. „Die geliebten Schwestern“ beschreibt vielmehr ausführlich die sich entwickelnde Seelenverwandtschaft. Alle drei lieben und schwärmen über eine gefühlte Ewigkeit hinweg. Das eine solche Dreiecksbeziehung auch damals das Potenzial zum Skandal hatte, steht außer Frage. Der Film richtet aber, obgleich Zeit dafür wäre, den Blick nicht auf das Umfeld der drei Hauptfiguren, sondern erzählt von Liebe und Leid aus deren Innersten heraus. Das geht sicher nicht ganz ohne Kitsch, aber Regisseur Dominik Graf hat davor keine Angst.

Charlotte (Henriette Confurius, links) und Caroline (Hannah Herzsprung) besuchen trotz Frauenverbots, getarnt in Männerkleidung, die Antrittsvorlesung von Friedrich Schiller.

 

Natürlich kann diese Dreierbeziehung nicht ewig gut gehen. Irgendwann muss eine Entscheidung her. Wer die Biografie Schillers kennt, weiß: Der Dichter heiratete 1790, drei Jahre nach ihrer ersten Begegnung, Charlotte von Lengefeld. Beide hatten vier Kinder. Schiller starb früh, nur ein Jahr nach der Geburt des letzten von ihnen. Caroline von Lengefeld heiratete nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe Schillers alten Freund Wilhelm von Wolzogen (Ronald Zehrfeld). Auch diese Phase im Leben der drei Kernfiguren erzählt der Film, widmet ihr aber bei Weitem nicht so viel Raum. Dominik Graf will vor allem eine Geschichte über die Liebe erzählen. Ihr Entstehen ist ihm wichtiger als ihr Scheitern.

 

„Die geliebten Schwestern“ ist auf den ersten Blick sicher kein typischer Film von Dominik Graf, der sich hier seit Jahren erstmals wieder auf eine große Kinoaufgabe einließ. Dem breiten Publikum zeigte er sich zuletzt als kreativer Krimi- und Thriller-Macher („Im Angesicht des Verbrechens“, „Tatort“). Hier aber nimmt er sich zurück und stellt jederzeit das Gesagte über das Gezeigte. Die Kamera von Michael Wiesweg bleibt entspannt, der Schnitt von Claudia Wolscht unaufgeregt. Nichts soll ablenken von diesem sicher erzählenswerten Liebesreigen, der ab und an etwas allzu geschwätzig wird, aber eben viel öfter auch die richtigen Worte findet.

Schiller (Florian Stetter) gesteht in einem Brief seinem Freund Wilhelm von Wolzogen seine Zuneigung zu den beiden Schwestern.

 

In den Kinos wird es der Film, auch in seiner Kurzversion immer noch weit über zwei Stunden lang, sicher nicht einfach haben. Aber für all jene, die Historienfilme nicht zwingend mit Krieg oder anderweitiger großer geschichtlicher Relevanz verbinden, bietet sich hier die Gelegenheit zu einem entspannten Ausflug in die Vergangenheit. Und: Man sieht drei zurückgenommen agierende, aber dennoch ungemein glaubwürdige Hauptdarsteller, deren Gesichter auch zu Beginn der dritten Stunde Film nicht langweilig werden.

 

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: © Senator Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Senator
Laufzeit: 139 Min.