Zwischen Cowboytum und Käfersammeln

Bei vielen Filmen ist 3D nichts weiter als Firlefanz. Obwohl für Blockbuster eigentlich ein ‘Must’ geworden, wird die Verlängerung des Bildes in den Zuschauerraum hinein selten von einem schlüssigen Konzept getragen. Aus kommerziellen Gründen wird die Palette möglicher Effekte oft gar nicht ausgereizt, damit der Film in der 2D-Version eine ähnliche Wirkung hat.

3D funktioniert auch prächtig als Ablenkungsmanöver: Vor lauter bewundernder Ahs und Ohs für die technische Opulenz wurde zum Beispiel übersehen, dass „Avatar“ eigentlich nichts weiter als ein Indianerwestern ist, der auf einem fremden Planeten spielt. Jean-Pierre Jeunets Familienfilm „Die Karte meiner Träume“ nimmt sich dagegen originell und stimmig aus. Sujet und Stil fusionieren aufs Gelungenste: Stereo-Sehen erschließt hier wirklich eine neue Welt.

T.S. Pivet (Kyle Catlett) beschließt, alleine nach Washington zu fahren.

 

Es geht um die Welt, oder besser: die Welten des T. S. Spivet (Kyle Catlett). Der Junge ist ein Genie, und Genies haben’s meist schwer. Das gilt besonders für das ländliche Amerika, wo Anpacken mehr zählt als Kopfarbeit, und erst recht wohl für zehnjährige Knirpse wie T. S. Spivet. Seine Mutter Dr. Clair (Helena Bonham Carter) hat sich als Käferforscherin wissenschaftliche Reputation erworben, sein Vater (Callum Keith Rennie) ist ein wortkarger Cowboy. Zwillingsbruder Layton (Jakob Davies) stirbt früh bei einem Unfall mit einem Gewehr. Die viel ältere Schwester Gracie (Niamh Wilson) möchte mal Schönheitskönigin werden.

 

Niemand in seiner Familie ahnt, was in T.S.’ vielbeschäftigtem Gehirn alles vor sich geht, geschweige denn, dass er eine sensationelle Maschine zur Energieerzeugung entwickelt hat und dafür demnächst einen Preis bekommt. Soll er den anderen davon erzählen? T. S. entscheidet sich dagegen und macht sich auf eigene Faust von Montana auf zur Ehrung nach Washington.

T.S.' Cowboy-Vater (Callum Keith Rennie) hat wenig Verständnis für den Forscherdrang seines Sohnes.

 

Zwar berichtet T.S. ausführlich, was in seiner Familie so vor sich geht, wie unverständlich ihm das stumme Nebeneinander seiner Eltern ist, und dass wegen Laytons Tod ein Schuldgefühl an ihm nagt. Aber was wirklich in ihm steckt und wie seine Seelenlandschaft aussieht, bringt auf faszinierende Weise der Einsatz von 3D nahe. Und das in ganz wörtlichem Sinne. T. S. fasst das Trinkverhalten seines Vaters und die Schallwellen des brüderlichen Gewehrs in Formeln, Diagramme und Zeichnungen, die direkt vor unserer Nasenspitze tanzen. Als ein neidischer Lehrer ihn für angebliche Mängel in einer Naturkundearbeit scharf rügt, löst sich vom devoten Selbst ein anderer, aufmüpfiger T. S. ab.

 

In der collageartigen Buchvorlage aus der Feder von Reif Larsen ist all dies schon angelegt: Regisseur Jean-Pierre Jeunet und seinem „Stereographer“ Demetri Portelli gelingt eine grandiose Leinwandübersetzung. Die zeitliche Linearität des Films unterlaufend, fächern sich in 3D simultane Realitätsebenen auf. So entsteht tatsächlich eine wissenschaftspoetische „Karte der Träume“.

T. S. Spivet (Kyle Catlett) entwickelt eine Energieerzeugungsmaschine, die selbst keine Energie benötigt.

 

Nur muss man dabei aufpassen, nicht auf der Stelle zu treten. T.S.’ wenig aufregende Reise als blinder Zug-Passagier nach Washington produziert vor allem überschöne Amerika-Bilder. Auch die Rührseligkeit von T.S.’ Dankesrede am Smithsonian Institute wirkt für den Schöpfer von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ doch sehr dick aufgetragen. Dennoch ist „Die Karte meiner Träume“ ein Film, den man gut mit seinen Kindern anschauen kann.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © dcm
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Young and Prodigious T. S. Spivet
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: DCM
Laufzeit: 105 Min.