Wohnst Du schon oder liebst Du noch?

Können männliche Filmemacher das eigentlich – überzeugend die körperliche Liebe zwischen Frauen zeigen? Immerhin, vor über 30 Jahren legte John Sayles mit „Lianna“ auf diesem Gebiet eine Pionierleistung an Einfühlung hin. Aber seitdem? Unangenehm rigide waren zuletzt die Sexszenen in „Blau ist eine warme Farbe“ choreografiert. Und nun will der brasilianische Regisseur Bruno Baretto im Beziehungsdrama „Die Poetin“ die schmächtige Miranda Otto so vor Leidenschaft lodern lassen, dass sie mit einer einzigen Bewegung ihre Geliebte herumwirbelt und gegen eine große Glasscheibe presst. Pech nur, dass die andere Frau von der recht kräftigen Brasilianerin Glória Pires gespielt wird. Lachhaft absurd wirkt so das Ganze. Man muss sich bei „Die Poetin“ an anderes halten als an die Erotik.

Die Dichterin Elizabeth Bishop (Miranda Otto) blüht in Brasilien richtig auf.

 

Zum Beispiel an den Hauptschauplatz dieses auf einer wahren Begebenheit beruhenden Films, eine herrliches Anwesen in Pétropolis nahe bei Rio de Janeiro. Wohl auch ohne Liebe hätte es die von Miranda Otto verkörperte Dichterin und Pulitzerpreis-Trägerin Elizabeth Bishop (1911-1979) bei ihrem Besuch in Brasilien viele Jahre auf dem Grund und Boden der Architektin und Designerin Lota de Macedo Soares (1910-1967) ausgehalten. Das Haupthaus bildet ein großzügiger Flachbau, rustikal und gleichzeitig von strenger Eleganz, mit viel Glas nach außen und im Innern. Alles ist voller Licht und Pflanzen. Wunderbar harmonisch fügen sich in der Einrichtung streng gestaltete, moderne Möbel mit antiquarischen Teppichen und Schränken als stummen Zeugen der Gesichter des Landes zusammen.

 

Augenschmaus des Films sind eben Kulisse und Kostüme, das Seelische und Fleischliche fällt dagegen ästhetisch ab. Eher begrapscht als berührt – und dann auch noch für ihre Verse heruntergemacht – wird Elizabeth Bishop Anfang der 1950er-Jahre von einem literarischen Kollegen im New Yorker Central Park. Als sie in Rio ihre Jugendfreundin Mary (Tracy Middendorf) aufsucht, die mit der schon erwähnten Architektin Lota (Glória Pires) zusammenlebt, trägt sie ihr Kleid noch wie eine Uniform. Die allmähliche Umfärbung ihrer Textilien in das Grün und Turkis ihrer exotischen Umgebung kündet von sinnlicher Befreiung, die freilich ins Sentimentale oder Platte abdriftet.

Zu einer eleganten Behausung gehört auch ein ebensolches Auto: Lota (Glória Pires, links), Mary (Tracy Midendorf, Mitte) und Elizabeth (Miranda Otto, rechts) unternehmen viele Spitztouren.

 

Als Lota sich nur noch für Elizabeth interessiert, genügt es nicht, dass die vernachlässigte Mary in Tränen ausbricht: Im selben Moment beginnt es vor den Panoramafenstern aus allen Kübeln zu schütten, als würde der ganze Dschungel mitweinen. Ein anderer Fall: Einander die Haare zu waschen, kann ein hübscher Ausgangspunkt für Intimität werden. In „Die Poetin“ sieht das nur wie Shampoo-Werbung aus. Stimmungsveränderungen zwischen den drei Frauen, die sogar ein Kind adoptieren, werden in abrupte Zuspitzungen gepackt und abgehakt.

 

Zwei äußerst ästhetisch gesinnte Frauen zusammenzuführen, schlägt dabei keinerlei künstlerische Funken. Es tut Elizabeth Bishop gut, von den gebildeten Brasilianern der Oberschicht als herausragende Autorin geschätzt zu werden. Sonst ist es mit der Liebe zur Literatur nicht weit her, auch nicht bei der Requisite: Das Buch, das Elizabeth zum Geschenk gemacht wird, kann unmöglich vom Theaterautor Racine sein. Aber dass Lota in dem von ihr geplanten und am Strand von Rio errichteten Park Stelen aufbauen lässt, die ihre Sehnsucht nach der Geliebten symbolisieren, deren Herz für sie – wie eigentlich auch für den Filmemacher – wie der ferne Mond ist, das rührt doch.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Zorro Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Flores raras
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Pandastorm
Laufzeit: 120 Min.