Sich finden und verlieren

Der Franzose Olivier Assayas, Regisseur von so unterschiedlichen Filmen wie „Die wilde Zeit“ oder „Carlos – Der Schakal“ sowie ehemaliger Kritiker der „Cahiers du Cinéma“, gehört zu den Intellektuellen unter den Filmemachern. Bei ihm passiert nichts zufällig. So auch in seinem neuen Werk „Die Wolken von Sils Maria“. Man könnte bei diesem Film nun anfangen darüber nachzudenken, welche Auswirkungen das Naturphänomen der Wolken oder Nietzsches Gedanke der „Ewigen Wiederkunft“, der ihm in Sils Maria kam, auf die Handlung hat. Man könnte aber auch nur zwei ausgezeichnete Schauspielerinnen dabei beobachten, wie sie sich in ihren Filmrollen in Frage stellen, finden und auch verlieren.

Auf die Unterstützung ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) kann sich Maria (Juliette Binoche) verlassen.

 

Zwei Frauen, zwei Generationen und zwei Auffassungen von Kunst – in „Die Wolken von Sils Maria“ treffen Juliette Binoche und Kristen Stewart aufeinander. Die eine steht für seriöses Autorenkino und die Arbeit mit Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Louis Malle, Krzysztof Kieslowski oder Michael Haneke. Die 24-jährige Kristen Stewart dagegen versucht sich gerade vom „Twilight“-Image freizuspielen. Mit neun Jahren übernahm sie ihre erste Filmrolle und wuchs in den Celebrity-Wahnsinn Hollywoods hinein. Und so passt es auch perfekt, dass sie im Film als Assistentin Valentine ihrer „Chefin“, der Schauspieldiva Maria (Binoche) erklärt, warum Blockbuster besser sind als ihr Ruf. In einer Theaterproduktion soll Maria nämlich zusammen mit einem Skandale provozierenden Filmindustrie-Sternchen (Chloë Grace Moretz) auf der Bühne stehen. Maria blickt der Zusammenarbeit skeptisch entgegen.

 

Das Drama „Maloja Snake“ (so der Name der Wolkenformation in Sils Maria) stammt aus der Feder ihres eben plötzlich verstorbenen Mentors Wilhelm Melchior. Mit diesem Theaterstück schaffte sie einst den Durchbruch als Schauspielerin. Diesmal sieht der hippe neue Regisseur (Lars Eidinger) für sie allerdings nicht die Rolle der jungen Verführerin Sigrid vor, sondern die der Vorgesetzten Helena. Auf diese hat die junge Frau eine faszinierende Wirkung und treibt sie letztlich in den Selbstmord. Nun die bittere ältere Frau darzustellen, dieses Angebot erschüttert Maria in ihren Grundfesten und zwingt sich zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit, Entwicklung und Gegenwart als verglühender Star.

Nicht zu unterschätzen: Kristen Stewart wächst in der Rolle der Valentine über sich hinaus.

 

Um den neuen Text zu proben, zieht sie sich mit ihrer Assistentin ins abgelegene Haus Melchiors zurück. Valentine übernimmt beim gemeinsamen Lesen den Part der jungen Frau. Hier beginnt nun der faszinierendste Teil des Films. In kammerspielartigen Szenen laufen Binoche und Stewart zu Höchstform auf und lassen eine Verbundenheit entstehen, die den Zuschauer mitnimmt in eine immer intimer aber auch problematisch werdende Beziehung. Die Figuren entwickeln über das reine Lesen hinaus eine Lebendigkeit, Rolle und eigene Persönlichkeit überschneiden und bedingen sich gegenseitig. Die gestellten Fragen nach Talent, Alter, Abhängigkeiten und Moral erweisen sich als universell.

 

Die Identitäten beginnen sich zu verwischen, die Kunst übernimmt die Regie – auch im Leben der beiden Frauen. Dazu thematisiert Olivier Assayas noch eine dritte Ebene, die der neuen Medien. Soziale Netzwerke und Blogs schaffen eine wundersame Nähe zu berühmten Menschen, die die User dadurch zu kennen glauben. Durch diesen Aspekt erreicht Assayas in seinem zunächst etwas zu selbstreflexiven Film über die Theater- und Schauspielerwelt eine größere Attraktivität. Dabei fragt Assayas wie Altes und Neues in einen Dialog miteinander treten. „Die Wolken von Sils Maria“ überzeugt als wunderbares Schauspielerinnen-Kino mit einer Kristen Stewart, die weit über Blockbuster-Niveau herauswächst.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Pallas Film / NFP / Carole Bethuel
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

"Die Wolken von Sils Maria" beeindruckte schon Festivalgänger in Cannes, München und Toronto.

 

 
 
 
Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Clouds of Sils Maria
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: NFP
Laufzeit: 123 Min.