Die Fremden in Griechenland

Die alten Römer benannten den Monat Januar nach Janus, dem zweiköpfigen Gott des Anfangs und des Endes. Auf Abbildungen der Gottheit zeigen seine beiden Gesichter in entgegengesetzte Richtungen, was die Zwiespältigkeit einer Situation versinnbildlichen soll. Auch im Regiedebüt des Drehbuchautors Hossein Amini („Drive“) bekommt man es auch mit zwei recht widersprüchlichen Figuren zu tun: Mit „Die zwei Gesichter des Januars“ adaptierte Amini einen weniger bekannten Krimi von Patricia Highsmith, die 1951 durch Hitchcocks Verfilmung ihres psychologisch hochinteressanten Erstlings „Der Fremde im Zug“ schlagartig Berühmtheit erlangte.

Chester (Viggo Mortensen) flieht über die griechischen Dörfer vor seinen schrecklichen Taten.

 

Identifizieren kann sich der Zuschauer mit den diffizil angelegten Charakteren in diesem Thriller der Supsense-Meisterin diesmal nicht so recht. Das macht einerseits die eigenartige Faszination dieses 60er-Jahre-Films aus, der wie aus der Zeit gefallen wirkt und auch musikalisch stark an Hitchcock-Filme erinnert. Andererseits sorgt es aber an einigen Stellen auch für Ermüdungserscheinungen beim Zuschauer.

 

Einer der beiden ambivalenten Hauptcharaktere ist der reife Chester MacFarland (Viggo Mortensen), der mit seiner Frau Colette (Kirsten Dunst) einen – wie es zunächst den Anschein hat – unbeschwerten Urlaub in Griechenland verbringt. In weißer Weste und weißem Kleid posieren die beiden auf der Akropolis und erregen so die Aufmerksamkeit des amerikanischen Fremdenführers Rydal, der von „Inside Llewyn Davis“-Hauptdarsteller Oscar Isaac sehr überzeugend gespielt wird.

Chester (Viggo Mortensen) und Rydal (Oscar Isaac) sind vom Schicksal wie Vater und Sohn aneinandergekettet.

 

Der gewitzte ehemalige Elitestudent, der Touristen auch schon einmal gern ein wenig über das Ohr haut, ist fasziniert von Colettes Schönheit und von Chesters Ähnlichkeit mit seinem kürzlich verstorbenen, übermächtigen Vater. Gern lässt er sich auf die Einladung der beiden zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Durch Zufall jedoch erwischt er Chester später in der Nacht, wie er die Leiche eines Detektivs entsorgt. Chester und seine reizende Gattin befinden sich nämlich auf der Flucht vor etlichen Investoren, die von ihnen um ihr Vermögen gebracht wurden. Rydal beschließt, den beiden zu helfen.

 

Von diesem Moment an sind diese drei Schicksale unentwirrbar aneinander gekettet, zumal sich Colette mehr und mehr als Femme fatale entpuppt, die dem jungen Fremdenführer den Kopf verdreht und ihren Ehegatten mehr und mehr in die Eifersucht und den Alkohol treibt. Diese unheilvolle Konstellation führt im Labyrinth von Knossos, wo der Legende nach einst der menschenfressende Minotaurus hauste, schließlich zu einer weiteren Katastrophe.

Colette (Kirsten Dunst) entpuppt sich mehr und mehr als Femme fatale.

 

Zwiegespalten wie die titelgebende Janus-Gottheit verfolgt der Zuschauer das Finale dieses psychologischen Thrillers: Einerseits ist man gespannt, ob einer der beiden gar nicht so ungleichen Männer diesem Machtkampf noch heil entkommen wird. Andererseits interessiert das Schicksal der Hauptcharaktere nicht wirklich, da ihre Hintergrundgeschichten nur angedeutet werden und der Zuschauer sich schlecht in sie hineinfühlen kann. Ihr Schicksal bleibt letztlich das von Fremden in Griechenland. Trotz guter Inszenierung und der geschickt fotografierten Bilder von Kameramann Marcel Zyskind, die aufgrund des grellen Sommerlichts und der dunklen Schatten in ihrer Ästhetik an den Film Noir erinnern, gerät der Film schnell wieder in Vergessenheit.

 

Text: Gabriele Summen / Fotos: © Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: The Two Faces of January
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 97 Min.