Einfach nur weitersingen

Ob fröhlich oder traurig – jeder braucht einmal ein Lied im Leben. In Mexiko gibt es dafür die prächtigen Mariachi-Gruppen, die auf Bestellung bei Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen oder Geburtstagen singen. Doris Dörrie sieht in ihnen jenseits des Klischees die Seele des Landes. Ein Landes, in dem man davon überzeugt ist, dass man einfach nur weitersingen muss, dann werde alles gut. In ihrer gelungenen Hommage „Diese schöne Scheißleben“ widmet sich Dörrie den wenigen Frauen, die in diese Männerdomäne vorgedrungen sind.

Die Mariachi-Sängerin María del Carmen weiß sich zu behaupten.

 

Wenn María del Carmen ihre Stimme erhebt und davon singt, dass sie als Mannsweib das Lasso schwingen will, ist ihr der Respekt der Zuhörer sicher. Die Frau mit der markanten tiefen Stimme steht im Mittelpunkt von Doris Dörries Dokumentation über weibliche Mariachi. Ihr Arbeitsplatz ist die Plaza Garibaldi in Mexiko-Stadt. Hier warten die ganze Nacht Musikgruppen auf Kundschaft, die sich bei ihnen ihre Lieder bestellen.

 

Mit Selbstbewusstsein – „hier auf der Plaza singt keiner wie ich“ – hat sich María ihren Platz unter den anderen Musikern erkämpft. Kein leichtes Leben, denn im Macholand Mexiko bekommen Frauen, die auf der Straße arbeiten, schnell auch andere Angebote. Um die Zukunft ihrer eigenen Tochter macht sich die alleinerziehende Mutter Sorgen. Alles hänge von ihrem Job ab, davon, wie viel sie nach einer Nacht nach Hause bringe – eine große Belastung.

Die "Estrellas de Jalisco" spielen an einem Grab.

 

„Männer können eben nur Mariachi sein“, beklagt sich Lupita, Mitglied der vorwiegend weiblichen Mariachi-Band „Estrellas de Jalisco“. Sie ist vor allem am Wochenende unterwegs, ihre Gruppe wird häufig für Feiern gebucht. Daneben muss sie sich um Kinder und den Haushalt kümmern. Ein anstrengendes, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten emanzipiertes Leben. Eines, das sie als Tochter eines Mariachi auf keinen Fall missen möchte. Denn Mariachis nehmen eine einzigartige Stellung in der Gesellschaft ein – sie spenden Trost am Grab, bereiten Freude auf Feiern und geben die ultimativen Ratschläge zum Dasein: „Du musst das Leben genießen. Es ist nur von kurzer Dauer.“

 

Nur wer wirklich an das glaube, was er singe, könne überzeugen, sagt María del Carmen. Auch die Damen, die vor 50 Jahren die erste Frauen-Mariachi-Band gründeten und damit einen Skandal auslösten, leben noch heute für traditionelle Lieder wie das vom „schönen Scheißleben“. Im Film tragen sie in etwas zu lang geratenen Szenen ihre Musik mit großer Begeisterung, aber schon brüchig gewordenen Stimmen vor.

Das besondere Verhältnis zum Tod zeigt sich in Mexiko am "Día de los muertes".

 

Doris Dörrie bewegt sich mit ihrem Film mittendrin im Geschehen. Einmal fühlt sich die Kamera regelrecht ertappt und schwenkt weg von einem Liebespaar auf der Plaza Garibaldi. Ein anderes Mal bleibt das Bild eine gefühlte Ewigkeit bei einer Mutter stehen, die am Grab ihres Kindes zu weinen anfängt. Gegen Ende des Films steigt so dem Thema angepasst der Emotionspegel. An Allerheiligen, dem „Día de los muertes“, wird der Tod als Freund gefeiert und die Mariachi spielen in bitter-süßen Szenen auf den Friedhöfen die Lieblingslieder der Verstorbenen. Das geht gewaltig ans Herz. Oder wie es ein Mariachi ausdrücken würde: „Als weinendes Baby kam ich zur Welt. Und ich weine bis heute.“

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Flying Moon / Senator
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Senator
Laufzeit: 90 Min.