Alles Porno?

Als vor 15 Jahren der Film „American Pie“ in die Kinos kam, steckte das Internet quasi noch in den Kinderschuhen – ein einziges Foto herunterzuladen dauerte mitunter Minuten, an das Streamen ganzer Videos dachte damals niemand. Pornografie, das war für die meisten Teenager jener Zeit nicht mehr als ein Schmuddelheft, verstohlen gekauft an der Tankstelle, oder die Wiederholung eines Lederhosensexfilms, ausgestrahlt nachts auf Nischensendern. Sieben Jahre sollte es noch dauern, bis Youporn an den Start ging. Doch das erotische Videoportal hat, glaubt man nicht nur Alice Schwarzer und Konsorten, sondern auch dem Film „Doktorspiele“, die Sexualität der Jugend verändert, wenn nicht gar verdorben.

Lilli (Lisa Vicari) und Andi (Merlin Rose) kennen sich schon seit Jahren, haben sich aber aus den Augen verloren.

 

Da ist Andi (Merlin Rose), ein 17-Jähriger in den letzten Zügen der Pubertät, seit frühester Kindheit traumatisiert von einem Doktorspielchen mit seiner Sandkastenfreundin Lilli: „Der Andi hat nen ganz kleinen Schniepel“, so lautet die Reaktion von Lilli auf das gemeinsame Inspizieren der primären Geschlechtsteile.

 

Da helfen jetzt, zehn Jahre später, die Pornos, die Andi zusammen mit Kumpel Harry (Maximilian von der Groeben) anschaut, natürlich wenig, um das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Und so traut sich Andi nicht, seinem Schwarm, der hübschen, aber abgebrühten Katja (Ella-Maria Gollmer) seine Liebe zu gestehen. Zu groß ist die Angst, vor der sexuell Frühreifen als Versager dazustehen. Und dann tritt auch noch Lilli (Lisa Vicari), die Traumaverursacherin aus Andis Kindheit, wieder in sein Leben. Eine Woche zieht sie ein bei ihm und seiner Familie (toll: Christiane Paul und Oliver Korittke als überforderte Eltern). Anfangs soll sie Andi helfen, an Katja heranzukommen – doch schon bald entwickeln sich auch zwischen den beiden die ersten Gefühle.

Andi (Merlin Rose) schwärmt für Katja (Ella-Maria Gollmer).

 

Natürlich orientiert sich „Doktorspiele“ an Genreklassikern wie „American Pie“. Da ist dieselbe Konfiguration der Charaktere – der schüchterne Held, der Draufgänger, der liebenswerte Trottel, die Zicke. Der Humor ist ähnlich derb, nur anstatt einer amerikanischen Kleinstadt dient hier ein in Commerzbank-Ästhetik gefilmtes Frankfurt/Main als Kulisse. Auch in „Doktorspiele“ wird onaniert, was das Zeug hält, es wird in Aquarien gepinkelt und auf Partys im Schwall gekotzt. Die meisten Gags zünden, hin und wieder ist „Doktorspiele“ sogar wunderbares Slapstick-Kino, getragen von hervorragenden Jungdarstellern, allen voran Maximilian von der Groeben als pornosüchtigem besten Kumpel und Lisa Vicari als Sandkastenliebe.

 

Leider müssen die sich in ihrem Spiel allzu oft auf Brachialhumor verlassen, sind es doch gerade die Dialoge, die nicht zu den Glanzstücken des Films zählen: In ihrer Gestelztheit und ihrer zwanghaften Jugendlichkeit sind sie oftmals so peinlich wie jedem Teenager die eigenen Eltern. Autor und Regisseur Marco Petry („Heiter bis wolkig“) hätte gut daran getan, sich einmal auf den Pausenhöfen der Nation umzuhören, anstatt sich das Vokabular für seine Dialoge aus dem Duden Jugendsprache zusammenzuklauben – „Doktorspiele“ wäre authentischer geworden. Aber die Zielgruppe des Films mag das wenig stören, Hauptsache, die Körperflüssigkeiten spritzen durch den Raum. Bei „American Pie“ war das schließlich auch nicht anders …

Harry (Maximilian von der Groeben) ist Andis (Merlin Rose, links) bester Kumpel. Aber ist er der richtige Ansprechpartner, wenn es um Frauen geht?

 

Ganz am Ende des Films darf Andi dann übrigens, so viel sei verraten, doch noch einmal die Hosen runterlassen. Natürlich schwenkt die Kamera genau dann dezent zur Seite – irgendwie ist sie doch prüde, diese Generation Youporn.

 

Text: Sven Hauberg / Fotos: © Koch Media / Jerome Prebois
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Laufzeit: 96 Min.