Endlich nach House kommen

Der klassische Subkultur-Streifen war gestern – heute feiern filmische Musikszenen-Hommages vor allem den Sound, das Gefühl, die Identität ihrer Städte: Eminems „8 Mile“ (2002) widmete sich dem HipHop im Detroit der frühen 90-er, „Berlin Calling“ (2008) beleuchtete die vibrierende Nuller-Jahre-Technokultur der deutschen Hauptstadt und „Inside Llewyn Davis“ (2013) die entstehende Folk-Szene New Yorks in den 60er-Jahren. Nun ist das brodelnde Paris der 90-er an der Reihe: French House, durch Bands wie Daft Punk, Mr. Oizo oder Justice zu Weltruhm gelangt, erhält mit dem einfühlsamen Drama „Eden – Lost in Music“ ein überfälliges Porträt.

Paul (Félix de Givry) feiert als DJ auf Underground-Partys in Paris Erfolge, auf den großen Durchbruch muss er aber warten.

 

Kultur in Paris – das heißt Louvre, pittoreske Künstlerviertel, Tanztheater. Schon immer kam die Subkultur der französischen Hauptstadt gegen dieses Bild nur schwer an. Die junge Regisseurin Mia Hansen-Løve („Der Vater meiner Kinder“) zeichnet in ihrem Musik-Drama „Eden – Lost in Music“ eines, das weder die absinthgeschwängerten Literaten des frühen 20. Jahrhunderts noch die sozial abgehängten Migranten der Vorstädte in den Mittelpunkt rückt.

 

Es sind vor allem weiße Mittelstandskinder wie Paul (Félix de Givry), die Anfang der 90er-Jahre gern in schummrigen Kellerschuppen und verlassenen Fabrikruinen am Stadtrand feiern. Drogenräusche und Exzesse begleiten die ausufernden Partys, doch im Mittelpunkt steht das Tanzen, der Dancefloor, die Musik: jene aus den USA stammende elektronische Underground-Musik namens Garage-House, die man einige Jahre später mit der Vorsilbe „French“ labeln und adeln wird.

Am Nerv der Zeit: French House begeistert in den 90er-Jahren das Partyvolk.

 

„Eden – Lost in Music“ begleitet den jungen Paul, der in jener Zeit nicht nur extasybenebelt durch das Pariser Nachtleben schwebt, sondern sich wie so viele als DJ versucht. Der von de Givry bezaubernd lakonisch dargestellte Musiker hat Erfolg: Mit einem Freund gründet er das (für den Film erfundene) Duo Cheers und erobert den pulsierenden Untergrund im Sturm. Die beiden verlieren sich in der aufstrebenden House-Szene, auf den wirklich großen Durchbruch müssen sie aber warten. Den schaffen indes gute Bekannte Pauls: Zwei schüchterne junge Männer namens Thomas (Vincent Lacoste) und Guy-Man (Arnaud Azouzlay) machen den French House in aller Welt bekannt. Aus ihrem bereits umjubelten DJ-Duo Darlin entsteht 1993 ein popkulturelles Phänomen: Daft Punk.

 

Diese steigen bald zum kommerziell erfolgreichsten Exportschlager der Szene auf. Privat werden Daft Punk am Partyeingang aber bisweilen vom Türsteher abgewiesen, wie eine amüsante Episode zeigt. Kein Wunder, schließlich zeigen die Jungs bei ihren Auftritten ihre Gesichter nicht. Ihre Songs sind umso präsenter – und diese sind es auch, die gemeinsam mit den Stücken anderer House-Größen den famosen Soundtrack formen. Ebenso kennerhaft kompiliert wie nostalgisch arrangiert, bildet er das große Herz des Films, der nach dem zu jener Zeit verbreiteten Fanzine „Eden“ benannt wurde.

Cheers heißt das fiktive DJ-Duo, das in "Eden" durch die Underground-Szene von Paris begleitet wird.

 

Überhaupt ist der Titel Programm: Hansen-Løve porträtiert die Untergrund-Szene als eine warmherzige und umeinander sorgende – so ganz abgegrenzt von der harten Attitüde, die sich manch andere Musiksubkultur verleiht. Die Welt, durch die sich Paul und seine Freunde bewegen, ist tatsächlich eine Art Garten „Eden“. Ein runtergerockter zwar, einer, in dem es immerzu dunkel ist und dessen Paläste von mannigfaltigen Substanzen erleuchtet werden. Einer, den sich die Jugendlichen aber selbst aufgebaut haben. Die Regisseurin schildert diesen einzigartigen Moment und Ort überaus intim – und bebildert die ekstatischen Partys so authentisch wie kaum zuvor.

 

Ohne die Szene jedoch als neoromantisches Disco-Hippie-Paradies zu verklären: Paul schwankt zwischen ausgelassenem Nachtleben und depressiven Episoden am Tag. Seine Mutter sorgt sich ob seines Drogenkonsums, seine wechselnden Freundinnen (darunter die wundervolle Greta Gerwig als junge Schriftstellerin) verstärken den unsteten Lebensstil nur. So folgt „Eden – Lost in Music“ dem Protagonisten durch die ereignisreichen 90er-Jahre einer Parallelwelt, die den Loop so sehr verinnerlicht hat, dass man sich alsbald im Jahr 2001 wiederfindet. Plötzlich dümpelt Pauls Duo Cheers nicht mehr nur durch die Pariser Clubs, sondern darf zu Gigs nach New York fliegen.

Kleine Dramen allerorten: Paul (Félix de Givry) und seine nächste Liebschaft Louise (Pauline Etienne) streiten oft.

 

Ihr internationaler Erfolg währt nicht lange: Das intensive Jahrzehnt des French House ist bald vorüber, eine neue Generation hat übernommen. Allmählich überrollt der Zeitgeist Paul, der sich fragen muss: Gibt es ein Leben nach dem Scheitern? Eines nach den Pariser Partys? Und eines nach Garage-House? Welche Antwort er auch immer darauf findet: Er hat eine magische Zeit erlebt. Eine, der dieses zärtliche Drama gerechter nicht werden kann.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © Alamode Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Ein zartes Porträt einer euphorischen Subkultur: "Eden" zeigt die Geschichte des French House auf überaus intime Weise.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Eden
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 131 Min.