Mach’ die Qualle!

 

„Die Unbesiegbaren“, eben „Les invincibles“, heißt der Film im französischen Original. Der deutsche Titel „Eine ganz ruhige Kugel“ wird weder dem Temperament noch der ganz besonderen Portion Action dieser liebenswerten und beinahe tragischen Multikulti-Underdog-Komödie gerecht. Gemeinhin mag Boule als langweiliges Spiel gelten. Hier, als so genanntes Pétonque, erhält es geradezu Rasanz.

„Mach’ die Qualle!“ fordert der ehemalige Champion und selbsternannte Pétonque-Coach Jacky Camboulaze (Gérard Depardieu) beim Training. Im hohen Bogen schleudert sein Schützling Momo (Atmen Kelif) die Kugel in die Luft; wie ein Meteorit rast sie wieder hinab, kickt die gegnerischen Kugeln weg und bleibt neben dem Zielbällchen liegen. Bei der anstehenden Pétonque-Weltmeisterschaft hat Momo gute Chancen – wenn er teilnehmen darf.

Jacky (Gérard Depardieu, links) und Momo (Atmen Kelif) gehen durch dick und dünn.

 

Im Leben ist es Momo, der immer wieder von der Straße des Erfolgs weggekickt wird. Sehr gute Schulnoten nützten ihm nichts. In der gesellschaftlichen Realität Frankreichs sind Bürger arabischer Herkunft meist nur für die ganz einfachen Jobs da. Mit vierzig hat er weder Familie noch Einkommen. Von der Eröffnung eines kleinen Supermarkts, ein Vorschlag seiner Mutter, die ein Couscous-Restaurant betreibt, hält er wenig. Ein bisschen Geld mit Pétonque verdient er nur bei den kleinen Trickbetrügereien, die sein Kumpel Jacky einfädelt. Bis der schillernde Selfmade-Millionär Stéphane Darcy (Édouard Baer) eine Pétonque-Weltmeisterschaft mit einer halben Million Euro Siegprämie ausruft und die Nationalmannschaft Spieler sucht.

 

Momo wäre für das Team genau der Richtige. Pech nur, dass Trainer René Martinez (Daniel Prévost) eingefleischter Rassist ist, der zunächst seinen Sohn in der Mannschaft installieren und Momo höchstens die Kugeln einsammeln lassen will. Doch der beleibte Jacky erweist sich als die große, dicke Kugel, die die meisten Hindernisse schlicht überrollt. Außerdem gibt es da noch die sympathische blonde PR-Managerin Caroline Fernet (Virginie Efira). Sie nimmt den schüchternen Momo unter ihre Fittiche und kämpft für seine Integration ins Team. Doch lässt sich noch rückgängig machen, dass Momo kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft durch eine gemeine Intrige die Segel streichen muss?

Momo (Atmen Kelif, Mitte) mausert sich im Vorfeld zur Boule-Weltmeisterschaft zum künftigen Star-Spieler.

 

Dem Rassismus spielerisch den Kampf erklären, in der sonnigen Provence satirisch französische Krisen-Befindlichkeit sondieren und auch noch mit einer unwahrscheinlichen Erfolgsgeschichte fesseln – all das schafft „Eine ganz ruhige Kugel“ in einem Wurf. Mit dem Philosophen Walter Benjamin gesprochen, darf die Komödie als Gattung des Optimismus glänzen – trotz aller Unbill. Mit schön geschriebenen Rollen, die ideal besetzt werden. Atmen Kelifs Momo lässt jederzeit die Nackenschläge ahnen, die ihm schon widerfuhren. Trainer Martinez ist von jener Verbohrtheit, die man nur zu gut kennt, Sponsor Darcy herablassend und heuchlerisch. Virginie Efira darf als Caroline mit herrlich ironischen Repliken Machos das Großmaul stopfen.

 

Der eigentliche Star ist aber natürlich der unverwüstliche Gérard Depardieu. So groß wie sein Leibesumfang ist die Melancholie, die er hier als Jacky ausstrahlt. Verfolgt von Kredithaien, verlassen von seiner Frau, sucht er an der Seite von Momo noch einmal eine große Chance aufs Glück. Vor diesem Glück dann mit der Kamera hinauf in die Bäume zu flüchten, ist so gut wie der einzige Makel des Films.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Universum Film / Roger Arpajou
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Les invincibles
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Universum Film
Laufzeit: 99 Min.