Nicht einmal im Keller wird gelacht

„Ach, die Schweden wieder“, werden einige Unbedarfte nach beklemmenden knapp 100 Kinominuten stöhnen. In der Tat erinnern die wortkargen, verschrobenen Protagonisten, die kalten, sepia-artigen Bilder und vor allem die menschlichen Abgründe, die hinter jeder Ecke lauern, an Wallander und Co. und besonders an die schwedische „Millennium“-Trilogie nach Stieg Larsson. Aber nichts da: „Erbarmen“ ist die erste Kino-Verfilmung eines Bestsellers des dänischen Thriller-Meisters Jussi Adler-Olsen und zuvorderst eine dänische Produktion. Auch wenn der Film unter schwedischer Beteiligung entstand, zum kleinen Teil in Schweden spielt und mit Nikolaj Arcel tatsächlich jener Drehbuchautor seine Hände im Spiel hatte, der auch die Umsetzung des ersten Larsson-Romans „Verblendung“ verantwortete, ist dieser Thriller pures Danysh Dynamite – fürs Nervenkostüm des Zuschauers. Die packende Story erzählt vom Kopenhagener Kommissar Carl Mørck, der sich mit seinem „Sonderdezernat Q“ um alte Fälle kümmert, um staubige Akten, die kein anderer Ermittler auch nur mit der Kneifzange anfassen würde.

Machen kalte Fälle wieder heiß: Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas, links) und sein neuer Kollege Assad (Fares Fares).

 

Wie fertig kann ein Kommissar sein? – Mørck, grandios aus dem Roman gehoben vom dänischen Schauspieler Nikolaj Lie Kaas (40), legt die Messlatte diesbezüglich in Höhen, die jeden Lonesome-„Tatort“-Ermittler zum Komiker degradieren. Mørck säuft, er hat Psychosen, Augenringe, fahle Haut, und er lacht nie. – Weil er nichts zu lachen hat. Die Ehe ist gescheitert, der Sohn ist reichlich missraten, und seit sein bester Freund bei einem gemeinsamen Einsatz ins Koma geschossen wurde, ist der ohnehin sehr eigenwillige Kommissar vollends zur gescheiterten Existenz mutiert: ein übellauniger Zeitgenosse, den nur noch ein unzerstörbarer Gerechtigkeitssinn und eisernes kriminalistisches Gespür am Leben erhalten. Sein Chef schiebt ihn aufs Abstellgleis. Im fensterlosen Kellerbüro soll Mørck nun „kalte“ Fälle sortieren und abschließen.

Typisch skandinavisch: Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas, rechts) und Assad (Fares Fares, zweiter von rechts) bekommen es bei ihren Ermittlungen mit verschrobenen Zeitgenossen zu tun.

 

Aber kalte Fälle interessieren Mørck und seinen neuen Kollegen Assad (Fares Fares) nur dann, wenn sie auch ermitteln dürfen. Und gleich bei einer der ersten Akten, die sie in die Hand nehmen, stolpern die beiden über Ungereimtheiten, die sie – zum Leidwesen ihrer Vorgesetzten – einhaken lassen. Es ist der Fall der jungen Politikerin Merete Lynggaard (Sonja Richter), die einst als hoffnungsvolle Aufsteigerin gefeiert wurde – bis sie eines Tages bei einer Fahrt auf einer Passagierfähre spurlos verschwand. Obwohl sie ihren geliebten geistig behinderten Bruder an Bord zurückließ, ging die Polizei damals von Selbstmord aus. Mørck sieht die Sache anders. Und natürlich wird bei seinen Ermittlungen Schritt für Schritt offenbar, dass er mit seinem Gespür richtig liegt.

Auf der gleichen Fähre, auf der einst Merete Lynggaard verschwand, suchen nun Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas, links) und Assad (Fares Fares) nach Antworten auf viele offene Fragen.

 

Die Aufgabe für die dänischen Filmemacher war alles andere als leicht: Sie mussten einen komplexen (in der Taschenbuch-Ausgabe 419 Seiten starken) Roman auf eineinhalb Filmstunden verdichten und gleichzeitig das Fundament für eine ganze mögliche Reihe gießen. Denn inzwischen verfilmt das gleiche Team bereits „Schändung“, den zweiten Carl-Mørck-Roman, und weitere Adaptionen sind zeitnah geplant, angeblich hat Lie Kaas für vier Filme unterschrieben. Vor allem die epische Kriminalgeschichte um Eigenbrötler Mørck, den der nicht minder charismatische Moslem Assad mit seiner zupackenden Art in kleinen Schritten ins Leben zurückschiebt, macht Lust auf mehr. Assad, ein sportlicher Haudrauf, dessen Kaffee Tote aufwecken, aber auch Lebende töten kann, ist mitentscheidend dafür, dass das Ganze im Kino funktioniert. Die Figur haucht wenigstens ein bisschen Culture-Clash-Humor in die allgemeine Depressionsstimmung.

Ist seit Jahren in ihrem schlimmsten Albtraum gefangen: Merete Lynggaard (Sonja Richter).

 

Der Fall selbst erweist sich als deftiger Psychothriller nach typisch skandinavischem Strickmuster – denn natürlich, so viel darf man verraten, ist Merete Lynggaard damals nicht in den Freitod gesprungen. Sie lebt und wird in einem finsteren Verlies gefangen gehalten und gequält … Von wem und warum? Und ist sie überhaupt noch zu retten? – Carl Mørck wird die Antworten in dieser trotz kleiner Ungereimtheiten hochspannenden Geschichte liefern.

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: NFP / Christian Geisnaes
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Kvinden i buret
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: NFP (Warner)
Laufzeit: 97 Min.