Wenn alles anders wird …

Wer ins Kino geht, wird vermutlich schon vorher wissen, um was es in diesem Film grob geht: Ein kleines Kind kommt bei einem Autounfall ums Leben. Es wird überfahren, irgendwo im kanadischen Nirgendwo – mitten im Winter. Es ist diese Szene, auf der Wim Wenders seinen Film aufbaut. Dieser grauenhafte Moment, auf dem alles fußt, was kommt. Mit einem sensationell mitreißenden, schockierenden Kniff erzählt der Drehbuchautor Bjørn Olaf Johannessen den Hergang dieser Tragödie. Keine Frage: Die ersten zehn Minuten werden sich einbrennen in das Gedächtnis eines jeden Kinogängers. Sie vergisst man nicht, was man Wenders fast schon übel nehmen könnte, folgte danach nicht diese äußerst kluge, lebensnahe und durchaus positive Geschichte. „Every Thing Will Be Fine“ gehört zu den besten Filmen, die Wim Wenders je gedreht hat.

Tomas (James Franco) stellt sich dem Gespräch mit Kate (Charlotte Gainsburgh), der Mutter des verunglückten Kindes.

 

Tomas (James Franco) muss mit seinem Wagen einen Umweg fahren. Über kleine verschneite Straßen geht es, die Sicht ist nicht gut, es schneit. Dann, Tomas wie auch der Kinobesucher nehmen es nur aus dem Augenwinkel wahr, schießt ein Schlitten knapp vor seinem Auto über den Weg. Es kommt zur Kollision, bei der ein kleiner Junge ums Leben kommt. Dessen Bruder ist Zeuge.

 

Tomas, das stellt die Polizei fest, kann nichts dafür. Er hatte keine Chance. Und doch beginnen in diesem Moment die Schuldgefühle, die er nie wieder loswerden kann. Franco zeigt mit seinem Spiel einen verschlossenen Charakter, einen schweigsamen Schriftsteller, der in sich gekehrt bleibt. Und doch öffnet er für den Betrachter einen Spalt breit den Blick auf die Seele. Dass dieser Film funktioniert, ist Franco zu verdanken.

Tomas (James Franco) hat ein kleines Kind totgefahren. Die Last wiegt schwer auf ihm.

 

Zwölf Jahre umfasst die Erzählung. Zwölf Jahre, in denen das Leben von Tomas entscheidende Wendungen nimmt, in denen aber eine Frage bleibt: Wie soll, wie muss, wie darf er mit den Ereignissen von damals umgehen? Tomas sucht gelegentlich die Begegnung mit Kate (Charlotte Gainsburgh), der Mutter des verunglückten Kindes. Sie gibt ihm die Schuld – und doch wieder nicht, weil sie weiß, dass dieser Unfall nicht zu verhindern war. Und: Sie muss sich um ihren zweiten Sohn Christopher (Robert Naylor) kümmern, der als kleiner Junge mit involviert war in das tragische Unglück. Auch ihn wird das alles nie mehr loslassen.

 

Der Film jedoch bleibt in jeder Sekunde nur dran an Tomas, zeigt ihn bei seinem inneren Ringen um eine Vergebung sich selbst gegenüber. Zunächst gelingt das nicht. Auch seine Beziehung zu seiner Freundin Sara (Rachel McAdams) wird auf eine schwere Probe gestellt. Doch dann lässt er die Tragödie in sein Inneres und macht sie gar zum Teil seines Berufs. Das Schreiben hilft ihm, das Gewesene zu verarbeiten. Tomas übernimmt Verantwortung, will von vorne beginnen, will in die Erfolgsspur zurück. Und womöglich ist es der Unfall, der ihm indirekt den Weg ebnet.

Wann entsteht neues Glück? Darf es entstehen? Tomas (James Franco) muss seien Emotionen in den Griff bekommen.

 

„Für mich ist es eine Meditation über das Leben, darüber, dass es im Leben sehr viel Traurigkeit, aber auch sehr viel Freude gibt“, sagt Hauptdarsteller James Franco und fasst damit die Intension des Films glänzend zusammen. „Every Thing Will Be Fine“ ist sicher Tragödie und Drama, aber eben auch ein Film, der positive Akzente setzt. Im sicheren Schoß des Kinosessels sieht man die Hauptfigur in die Hölle gehen, und eben auch einige Schritte wieder aus ihr heraus.

 

„Every Thing Will Be Fine“ lief beim Wettbewerb der diesjährigen Berlinale außer Konkurrenz und war dort der einzige Film, der in 3D gezeigt wurde. Vordergründig mag es unverständlich sein, warum ein solch stilles, unspektakuläres Drama Dreidimensionalität benötigt. Aber Wim Wenders, seit einer Weile bekennender Fan von 3D, legte Wert auf diese Technik, die ihm bei diesem Film tatsächlich hilft. Es entsteht ein Raum, mal beklemmend, mal befreiend, den die durchweg starken Darsteller mit Emotionen füllen. Der Betrachter fühlt sich tatsächlich als Teil der Ereignisse, mehr als das in manchem aufwendigen 3D-Actionfilm gelungen ist.

 

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: © Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

"Every Thing Will Be Fine" feierte seine Premiere bei der diesjährigen Berlinale.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Every Thing Will Be Fine
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Warner
Laufzeit: 119 Min.