Im Kabinett der Automatenfrauen

Ava (Alicia Vikander) hat tiefe dunkle Augen und einen schönen Mund, mit dem sie wohlartikuliert merkwürdige Wünsche formuliert: Eine Straßenkreuzung will sie unbedingt einmal besuchen und die Menschen dort beobachten. Dass es sie nach solchem Anschauungsmaterial verlangt, ist allerdings kein Wunder. Denn Ava ist eine Maschine, wenngleich eine hochintelligente. Sie besitzt ein junges menschliches Gesicht, ist mit Bewusstsein ausgestattet, ihr Hinterkopf und Hals jedoch geben die blinkende Mechanik preis, während die erogenen Zonen von einem grauen Netz überspannt sind. So sieht die Automatendame aus, um die sich der Science-Fiction-Thriller „Ex Machina“ dreht – eine wenig originelle Männerfantasie mit begrenztem Überraschungspotenzial.

Im Computersystem von Nathan stößt Caleb (Domhnall Gleeson) auf Spuren von Nathans Versuchen mit Schöpfungen künstlicher Intelligenz.

 

Wo Automatenfrauen sind, haben sie meistens auch einen naiven Verehrer. Für den muss man wenigstens anfangs Caleb (Domhnall Gleeson) halten. Der gerade einmal 26-jährige, eher durchschnittliche Programmierer wird aus heiterem Himmel zur Mitarbeit an einem ganz geheimen Projekt auf dem abgeschiedenen Anwesen des Internet-Unternehmers Nathan (Oscar Isaac) eingeladen. Sein angeblicher Auftrag: Testen, ob sich Ava, das von Nathan erschaffene Wesen der künstlichen Intelligenz, wirklich wie ein Mensch verhält.

 

Ein hoch gesichertes, steriles unterirdisches Gebäude mit unzähligen Kameras, viele Türen, zu denen Caleb keinen Zutritt hat, merkwürdige Stromausfälle und die scheinbar taubstumme Kyoko (Sonoya Mizuno) als Nathans Dienerin und Geliebte: Caleb hat allen Grund, seine neue Umgebung sehr befremdlich zu finden. Aber er fasst Zuneigung zu Ava. Die gesteht ihm, dass sie die Stromausfälle verursacht, um Caleb unbeobachtet vor Nathan warnen zu können. Doch auch sie vermag nicht zu sagen, was der großmäulige, superreiche Kraftprotz im Schilde führt. Bei heimlichen Nachforschungen entdeckt Caleb die abgelegten Frauen, die Nathan bereits konstruiert hat. Er will nun Ava um jeden Preis vor ihm schützen.

Zwei sehr verschiedene Frauen begegnen sich: Die scheinbar taubstumme Kyoko (Sonoya Mizuno, links) und die mit den Mitteln der künstlichen Intelligenz erschaffene Ava (Alicia Vikander, rechts).

 

Der Name von Oscar Isaacs Figur verweist noch auf den Nathanael, der sich in E. T. A. Hoffmanns Horror-Erzählung „Der Sandmann“, vor ziemlich genau 200 Jahren erstmals erschienen, in große Gefahr begibt, als er sich in eine Automatenfrau verliebt. Olimpia, so hieß sie, konnte nicht wirklich sprechen. Ava hingegen kann es, dank der Errungenschaften der künstlichen Intelligenz. Angesichts neuester technischer Entwicklungen macht dieses Update des Stoffs natürlich Sinn. Und Alex Garland, als Autor bekannt geworden durch den mit Leonardo DiCaprio verfilmten Bestseller „The Beach“, gelingt mit seinem Regiedebüt eine achtbare Aktualisierung eines schon ziemlich alten und vielfach durchdeklinierten Themas, bei dem vor allem Ridley Scotts „Blade Runner“ in den Sinn kommt: der Mann als Schöpfer beziehungsweise Liebhaber einer künstlichen Frau.

 

Garland lockt mit technischem Detailwissen um so genannte Turing-Tests und mit viel weiblicher Replikanten-Nacktheit. Er rankt auch eine einigermaßen geheimnisvolle und wendungsreiche Geschichte um Mensch und Maschine. Aber beim Kern, dem Frauenbild, bringt er nichts Neues. Je energischer er es von alten Klischees befreien will, umso tiefer verstrickt er sich in ihnen. Letztlich bedient „Ex Machina“ vor allem männlichen Voyeurismus. Daran ändert auch jegliche künstliche Intelligenz nichts.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Machina_lt

 

 

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Ex Machina
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 108 Min.