Dünnes Eis

Alle Zeichen standen auf „Boyhood“ – doch bei der Preisverleihung der diesjährigen Berlinale wurde Richard Linklaters Langzeitprojekt „nur“ mit dem Silbernen Bären für die beste Regie bedacht. Den Goldenen Bären sprach die Jury um den US-Produzenten James Schamus stattdessen dem chinesischen Genre-Film „Black Coal, Thin Ice“ von Diao Yinan zu, der jetzt unter dem Titel „Feuerwerk am helllichten Tage“ in die Kinos kommt: Ein Film Noir in Farbe, der trotz kunstvoller Verschachtelung am Ende leider recht einfach zu durchschauen ist.

Die Lichtgestaltung in Yinans Neo-Noir-Thriller ist grandios: Wenn Zhang (Liao Fan) und Wu (Gwei Lun Mei) sich begegnen, ist die Szenerie oft in Rot getaucht.

 

Die richtige Wahl traf Drehbuchautor und Regisseur Yinan bei seinem dritten Spielfilm aber auf jeden Fall mit seinem Hauptdarsteller Liao Fan („Armour of God – Chinese Zodiac“): Für seine überzeugende Darstellung des für das Genre typischen abgehalfterten, versoffenen Ex-Polizisten Zhang gewann er zu Recht den Silbernen Bären. In der winterlichen chinesischen Provinz, von Kameramann Dong Jinsong mit traumhaft schöner Lichtgestaltung meist in Festeinstellungen in Szene gesetzt, versucht das Ermittlerteam um Kommissar Zhang einem grausamen Mörder auf die Spur zu kommen: Auf dem Kohleförderband im Ort wurde eine abgehackte Hand gefunden, in einem Schnellimbiss glotzte einem Gast auf einmal ein Auge aus der Nudelsuppe entgegen!

 

Bei einem skurrilen, aus dem Ruder laufenden Einsatz in einem Frisörsalon, der ein wenig Tarantinos Handschrift imitiert, kommen Zhangs Kollegen und die beiden Hauptverdächtigen ums Leben. Danach geht es für den verwundeten und von Schuldgefühlen geplagten Kommissar Zhang, der zudem gerade eine unerfreuliche Scheidung hinter sich hat, nur noch bergab.

Auch der Wäschereibesitzer Rong Rong (Wang Jingchun) kann nicht die Finger von der kühlen Wu (Gwei Lun Mei) lassen.

 

Fünf einsame Jahre schlägt sich der wortkarge Einzelgänger als Wachmann durch, als er von einem Verbrechen Wind bekommt, das dem nie geklärten Fall vor fünf Jahren ähnelt. Die Spur führt in eine kleine Wäscherei, in der die zerbrechliche Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei) arbeitet, die kühle, undurchsichtige Witwe des vor Jahren ermordeten Kohlearbeiters. Kann es ein Zufall sein, dass sie auch mit zwei weiteren Opfern des Killers eine Beziehung hatte? Zhang muss noch einige düster ausgeleuchtete Straßen entlangschlittern, bevor die Mordreihe endlich aufgeklärt ist, die eine der merkwürdigsten Mordszenen der Film-Noir-Geschichte beinhaltet.

 

Yinan bewegte sich sicher auf recht dünnem Eis, als er versuchte, einen unterhaltsamen Film für ein internationales Publikum zu produzieren, der einerseits an der chinesischen Zensur vorbeikommen und andererseits dem künstlerischen Anspruch des Regisseurs genügen musste. Und der auch nicht einen gewissen morbiden Humor entbehrt, der sicherlich seine Anhänger finden wird. Insofern ist der Goldene Bär für einen ausgezeichnet gefilmten, streckenweise jedoch ein wenig handlungs- und spannungsarmen Film, der in dem kathartischen, titelgebenden Feuerwerk endet, sicher zu verstehen.

 

Text: Gabriele Summen / Fotos: © Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Bai Ri Yan Huo
Genre: Kriminalfilm
Freigabealter: 16 (beantragt)
Verleih: Weltkino
Laufzeit: 106 Min.