Drei sind einer zu viel

Schon oft hat man Männer im intensiven Zweikampf auf der Leinwand erleben dürfen: Da flogen die Fäuste im Ring oder es wurde beim Karate getreten, was der Gegner aushielt. Sogar die Randsportart Catchen bekam schon ihren großen Auftritt („The Wrestler“). In der US-Produktion „Foxcatcher“ kommt nun in einem großen Film eine der klassischen olympischen Disziplinen zu Ehren: das Ringen.

Zwei Olympiasieger im Ringen: Mark (Channing Tatum, links) vertraut seinem Bruder Dave (Mark Ruffalo).

 

Dabei geht es Regisseur Bennett Miller („Capote“) nicht darum, den Kampfsport für einen typisch amerikanischen Jubel- und/oder Motivationsfilm zu überhöhen. Stattdessen ist „Foxcatcher“, der für fünf Oscars nominiert ist, ein intensives und beklemmendes Drama um Abhängigkeiten, Homophobie und Patriotismus – nach einer wahren Begebenheit.

„Foxcatcher“ beruht auf der tragischen Geschichte des Ringer-Brüderpaars Schultz und der des Multimillionärs John du Pont, die sich in den späten 80er-Jahren ereignete. Am Ende wird einer von ihnen sterben. Große Erwartungen und Enttäuschungen treiben einen hypnotisierenden Plot voran. Der äußerlich stärkste Mann, der muskelbepackte Mark (gelungen besetzt mit Channing Tatum), erweist sich als die schwächste Persönlichkeit dieses Trios. Trotz des Gewinns der olympischen Goldmedaille fühlt er sich als Versager. Sein Sieg bringt ihm weder gesellschaftliche Anerkennung noch finanzielle Sicherheit. Auch deshalb nimmt er die Einladung auf das Anwesen der Du-Pont-Dynastie mit First-Class-Ticket und Hubschrauberflug gerne an.

Mark (Channing Tatum, links) soll auf dem Anwesen der Du Ponts leben und trainieren.

 

Er trifft dort auf die wirklich starken Charaktere des Films: Mark lässt sich von John du Pont (Steve Carell, als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert), einem schmächtigen Mann im Trainingsanzug mit seltsamen Sprachduktus, aber großer Leidenschaft fürs Ringen, schnell einlullen. Denn der Multimillionär möchte das Team der USA sponsern und auf seinem Anwesen ein Trainingscamp errichten. Dafür benötigt er Mark als Zugpferd und natürlich künftigen Sieger des Teams „Foxcatcher“.

Am liebsten hätte du Pont auch dessen Bruder Dave (Mark Ruffalo, als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert) mit im Boot, zusammen wurden sie 1984 Doppel-Olympiasieger. Doch der ältere der beiden Schultz-Brüder besitzt bereits eine eigene Familie, steht auf eigenen Beinen, während Mark immer noch auf die Tipps und Motivationen seines Trainingspartners angewiesen zu sein scheint. Gleichzeitig sucht das Muskelpaket die Eigenständigkeit, doch er begibt sich auf der Suche danach in eine neue Abhängigkeit. Die Schultz-Brüder – vor allem aber Mark in seiner blinden Loyalität und hündischen Ergebenheit auf der Suche nach Anerkennung – übersehen dabei alle Warnsignale.

John (Steve Carell, rechts) setzt auf seinen besten Ringer Mark (Channing Tatum).

 

Dabei sind sie eigentlich nicht zu übersehen: Der physisch kaum wiederzuerkennende Komiker Steve Carell wurde von seinem Regisseur hier verbal an die Kandare gelegt und zum wortkargen Egomanen gemacht. Besonders unheimlich wirkt der softe Ton in der Stimme, wenn du Pont nicht bekommt, was er will. Beim Ringen mit den Mitgliedern seines Teams sucht er die Nähe zu starken Körpern und seine Beziehung zu Feuerwaffen – auch der großen Art – hat eine erotische Note.

Die Kunst von Bennett Miller, für seine Regie oscarnominiert, besteht darin, einen Mann, der offensichtlich ein lächerlicher und eitler Exzentriker ist, in eine Welt einzubetten, in der Patriotismus, Waffenfanatismus und Männlichkeitsgehabe durchaus Akzeptanz finden. Der von außen immer etwas unspektakulär wirkende Sport erweist sich dabei als perfekte Metapher für ein perfides Vorgehen. Die Kämpfer müssen sich sehr nahe kommen, um letztlich den anderen zu Fall zu bringen. Der Film führt in eine Welt der Sporthallen, Hotelzimmer und zu Wettkämpfen – denn am Ende zählt nur der Sieg. Das Drama zeichnet sich ab, als John sich immer mehr als unverzichtbarer Teamchef aufspielt und Mark seine eigene Vorstellung von Training aufdrückt. Nun soll und kann nur noch Dave helfen – doch auch in diesem sehenswerten und emotional tiefgehenden Drama sind drei immer einer zu viel.

Text: Diemuth Schmidt
Fotos: © Studiocanal / Scott Garfield / Fair Hill, LLC
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Foxcatcher
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 135 Min.