Küss mir die Stiefel!

In der Mittsommernacht ist eben alles anders. Da spielen die Hormone verrückt. Da ist oben unten und unten oben. Nur das adlige Fräulein Julie (Jessica Chastain) glaubt, Herrin der Situation zu sein. Maliziös und arrogant lächelnd befiehlt sie so allerhand. Ihr Diener John (Colin Farrell) soll ihr allen Standesregeln zum Trotz – wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert – intime Zuneigung bekunden. Mit ihr tanzen muss er. Vor ihr knien. Und ihr die Stiefel küssen. Dank der verblüffenden darstellerischen Bandbreite zweier Stars in Hochform kann das Kammerspiel-Drama „Fräulein Julie“ zeigen, dass solches Herrschaftsgebieten aber keine Befriedigung schenkt, sondern verwirrt und verletzlich macht. Bis der Knecht fordert: „Küss’ mir die Stiefel!“

Kommen John (Colin Farrell) und Fräulein Julie (Jessica Chastain) trotz Standesregeln und Hitzköpfigkeit doch zusammen?

 

„Fräulein Julie“ gilt als eines der berühmtesten Stücke aus der Feder des schwedischen Spezialisten für Beziehungsdramen August Strindberg (1849-1912). Die hochmütige Tochter eines Barons erlebt darin einen tiefen Fall, als sie in Leidenschaft entbrennt und die Mittsommernacht mit ihrem Diener verbringt. Doch der will sie so schnell wie möglich loswerden. Wie viele Werke Strindbergs ist auch dieser Einakter misogyn durchtränkt, dass es fast unerträglich ist: Die Frau ist an allem schuld, sie ist verwöhnt, durch falsche Instinkte verdorben, geistig und moralisch degeneriert, ein Opfer der Triebe und der flüchtigen Reize. Umso größer ist das Erstaunen, was die Regisseurin Liv Ullmann mit dem Stoff anzufangen weiß.

 

Den Schauplatz hat sie von Schweden auf ein Anwesen in Irland verlegt. Entsprechend wurden die Namen des Dieners von Jean zu John und der seiner Quasi-Verlobten und Köchin des Hauses Kristin zu Kathleen (Samantha-Morton) geändert. Vor allem aber hat Liv Ullmann, als Schauspielerin in den Filmen Ingmar Bergmans berühmt geworden, bei ihrer siebten Regie-Arbeit dem Geschlechter- und Klassenkampf der Vorlage den neuen Reiz einer bodenlosen Unsicherheit abgewonnen, in die Fräulein Julie und John beim verbalen Nahkampf fallen.

John (Colin Farrell) klagt sein Leid über Fräulein Julie seiner Quasi-Verlobten, der Köchin Kathleen (Samantha Morton).

 

Tanzen, knien, Stiefel küssen – das zu fordern, mag ein Genuss sein, aber nur einer der Sprache. Die verlangte Handlung ist Ausweis eigener Niedertracht. Und während Fräulein Julie und John einander demütigen und umwerben, begehren und verachten, erfahren sie auch die ganze Hohlheit der großen Worte von Macht, Geld und Liebe. Sie verfaulen ihnen im Mund und verlieren ihren Sinn. Drei Leinwandgrößen, die man vielleicht noch nie so intensiv hat agieren sehen, erproben in ihren Rollen die Heimtücke der Sprache, die nicht hält, was sie verspricht.

 

Colin Farrells John beißt sich erst an den Invektiven des Hasses auf seine Herrin fest und versinkt doch in hilfloses Stammeln, als das Unerhörte zwischen den beiden geschieht. Mit Vorfreude auf die Wirkung füllt sich die Miene von Jessica Chastains Fräulein Julie, wenn sie ihre Anordnungen bellen kann, nur um gleich danach ernüchtert in sich zusammen zu sinken – und den nächsten Kick darin zu suchen, unvermittelt ihre Lust auf John zu bekennen. Ruhig und eindringlich markiert Samantha Mortons Kathleen den Gegenpol, das stille, entbehrungsreiche Vertrauen auf die Gültigkeit der Worte Gottes.

"Küss mir die Stiefel!" fordert Fräulein Julie (Jessica Chastain) von John (Colin Farrell).

 

Um diesen Fels in der Brandung schnaufen und heulen, schimpfen und fluchen sich Fräulein Julie und John heiß und wieder kalt, schwingen Tiraden und träumen von gemeinsamem Glück und getrenntem Untergang. Alles ist möglich, alles ist Emotion, alles ist Sprache in dem furiosen hysterischen Feuerwerk „Fräulein Julie“.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Alamode / Helen Sloan
Quelle: teleschau – der mediendienst

 


 
 
 
Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Miss Julie
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 130 Min.