Nachttisch oder nicht?

Was sagt es über den Charakter eines Menschen aus, wenn er kein Nachttischschränkchen besitzt? Ist das einfach nur eine liebenswerte Macke oder doch ein Zeichen für fehlenden Ordnungssinn – ja vielleicht sogar für tieferliegende persönliche Schwächen? Zugegeben: Auf den ersten Blick wirken diese Fragen etwas neurotisch. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Nicole Holofcener („Freunde mit Geld“) nimmt sie ernst. Mit Recht. Denn letztlich können es solche scheinbaren Nichtigkeiten sein, an denen eine neue Beziehung scheitert. Wie die beiden Endvierziger Eva (Julia Louis-Dreyfus) und Albert (James Gandolfini) mit diesen kleinen, großen Stolpersteinen umgehen, zeigt „Genug gesagt“, eine romantische Liebeskomödie mit Feinsinn und Tiefgang.

 Kommt nach dem Verliebtsein das böse Erwachen? Albert (James Gandolfini) und Eva (Julia Louis-Dreyfus) müssen für ihre Liebe lernen, eigene Schwächen zu überwinden.

 

Geschieden, Single, alleinerziehend: Für Eva alles kein Grund zur Verzweiflung. Sie liebt ihren Beruf als selbstständige Masseurin und ihre Tochter Ellen (Tracey Fairaway). Allerdings graust ihr bei der Vorstellung, dass jene kurz davor steht, zu Hause auszuziehen und aufs College zu gehen. Denn was dann? Bei einer Party lernt sie Albert kennen … und schnell lieben. Beide teilen das gleiche Schicksal – er ist ebenfalls geschieden und Vater einer Teenagertochter – und die Vorliebe für trockenen Humor. Und auch bald eine gemeinsame Bekannte: Sie freundet sich mit ihrer Kundin Marianne (Catherine Keener) an. Die schöngeistige Dichterin ist, wie Eva bald herausfindet, Alberts Ex-Frau. Sie gerät ins Zweifeln, ob er wirklich der Richtige ist. Schließlich scheint er ein Mann mit zahlreichen Macken und Makeln zu sein, wie Marianne ihr – nichts von der aufkeimenden Beziehung wissend – ständig ungefragt erklärt.

Eva (Julia Louis-Dreyfus, links) ist erstaunt über die Enthüllungen von Marianne (Catherine Keener), der Ex-Frau ihres neuen Lovers Albert.

 

Holofcener erzählt von den Verwirrungen und Verunsicherungen mit leisem und warmherzigem Witz. Und sie stellt – wie eingangs erwähnt – die richtigen Fragen: Wie geht man mit Verlustängsten um? Davor, dass die Tochter als engste Bezugsperson flügge wird? Sicher nicht, in dem man versucht, diese Gefühle zu kompensieren, in dem man die Nähe von deren besten Freundin (wunderbar als altkluge Chloe: Tavi Gevinson) sucht. Aber ist es – bei aller Angst vor dem Alleinesein – überhaupt erstrebenswert, eine neue Partnerschaft einzugehen? In Evas Umfeld gibt es abschreckende Beispiel dafür, wie dröge und nervenzehrend eine Ehe sein kann. Denn kann und will man noch einmal großzügig eigene Vorstellungen vom Leben zugunsten einer Beziehung zurückstellen? Und wie viel Kompromissbereitschaft braucht es, um sich auf einen neuen Partner einzulassen, der vielleicht doch kein netter Brummbär, sondern ein trampelnder Elefant ist?

Aus Angst vor dem Verlust der Tochter: Eva (Julia Louis-Dreyfus, rechts) sucht die Nähe von deren Freundin Chloe (Tavi Gevinson).

 

Dass „Genug gesagt“ keine vorgefertigten Antworten darauf gibt, liegt auch an den beiden hervorragenden Hauptdarstellern, die ihren Figuren Tiefe verleihen. Louis-Dreyfus darf mit ihrem ganzen komödiantischen Talent Evas Unsicherheiten und Neurosen überspielen, Gandolfini glänzt als sympathischer Stoiker, dem jederzeit die ihm unterstellten Charakterschwächen zuzutrauen sind. Letzterer ist in dieser wunderbaren Komödie in einer seiner letzten Rollen zu sehen. Gandolfini, der mit der Rolle des Mafiabosses Tony Soprano in der TV-Serie „The Sopranos“ berühmt wurde, verstarb im Juni im Alter von 51 Jahren an einem Herzinfarkt.

 

Text: Stefan Weber / Fotos: 2013 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Enough Said
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Fox
Laufzeit: 94 Min.