Harmlos ist das nicht

Ein deutscher Gangsterfilm, alle Achtung, dazu gehört Mut. Können wir das überhaupt? Oder sind Gangsterfilme nicht eher Sache der Franzosen oder der Engländer oder braucht man dazu nicht wenigstens so viel Mittel, wie sie in den USA verfügbar sind? Nikolai Müllerschön war es grad egal, und er drehte einen gar nicht mal so Low-Budget-Film, den Hauptdarsteller Heiner Lauterbach zusammen mit dem Regisseur produzierte. Die Musik zu „Harms“ stammt von Xavier Naidoo.

Ein gesundes Frühstück: Harms (Heiner Lauterbach) plant einen Banküberfall, der ihn und seine Kumpel von Geldsorgen befreit.

 

Lauterbach selbst genießt die Rolle als schweigsamer Gangsterboss Harms. Keiner, der die Rolle durch Taten, sondern durch natürliche Autorität füllt. Aber bei genauem Hinsehen ist vielleicht sogar fraglich, ob man diese Anführerposition möchte, zwischen den gescheiterten Existenzen, die Harms trifft, nachdem er aus dem Knast entlassen wird. Menges (Axel Prahl) hat immer noch ein großes Mundwerk und pendelt zwischen Kleinkriminalität und Familie. Timm (Martin Brambach) schikaniert seinen Koch, führt eine Kneipe und versucht geradezu erbärmlich, seine Freundin nicht zu verlieren.

 

Harms schaut, lässt die anderen reden. Und auch wenn Lauterbachs Harms nach 16 Jahren Gefängnisaufenthalt aussieht wie ein wandelndes Hells-Angels-Klischee, flößt er doch Respekt ein. Eben weil Regisseur und Akteur keine Angst vor der gewollten Übertreibung haben und es dann auch durchziehen. Durchziehen wollen die Kumpel auch ein todsicheres Ding, bei dem für alle genug Geld rausspringt und für einen Rache. Knauer (Friedrich von Thun) ist der Initiator, ehemaliger Vorstand der Bank, hat einen Plan ausgearbeitet für einen Überfall. Viel Geld, kein großer Schaden, wenn Harms und seine Freunde vernünftig arbeiten. Und warum sollten sie nicht? Sie haben wenig Alternativen im Alltag, aber ihr Handwerk verstehen sie.

Das ist die Truppe von früher: Harms (Heiner Lauterbach), Timm (Martin Brambach), Menges (Axel Prahl, von links).

 

Obwohl Nikolai Müllerschön Größeres gewöhnt ist, schreibt er doch zum einen für Roland Emmerichs Produktionsfirma Drehbücher und inszenierte das gar nicht kleine Spektakel „Der rote Baron“ mit Matthias Schweighöfer, stellte er sich problemlos auf die neuen Gegebenheiten ein. Es wurde gespart, es gab keine Förderung, nur Investoren. So wurde zusammengekratzt, was es an Mitteln gab, und die Schauspieler mussten mit einem Appel und einem Ei zufrieden sein, zusätzlich zum Lob.

 

Der Film schwelgt in morbiden Bildern, Harms sagt alle paar Minuten einen halben Satz, doch auch das Schweigen gefällt, ebenso wie die schlüpfrigen Bemerkungen von Menges, der genauso wenig einschätzbar bleibt wie Kumpel Timm oder der Wachmann (André Hennicke), den der Banker als Kontaktperson in der Bank hat. Wenn die Planung des Coups beginnt, nimmt der Krimi an Fahrt auf, doch es gibt einen zweiten wichtigeren Punkt. Die Vorhersehbarkeit, ein Problem beim Genrefilm, wird ausgekontert. Es ist ganz ehrlich schwierig, nach 70 Minuten abzuschätzen, was passieren wird. Und das ist als Kompliment zu werten. Erwähnt sei eine gewisse Brutalität, bei der man sich fragen kann, ob das so notwendig ist. Der Zuschauer wird die Antwort selbst finden.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Kinostar
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Kinostar
Laufzeit: 102 Min.