Fortuna frech erobert

Kling-klong, kling-klong. Frech wie die Schellen eines Narren klingt das Kochgeschirr an seinem gewaltigen Rucksack, als Hector (Simon Pegg) ins feine Obergeschoss des Flugzeugs nach China hinaufsteigt. Ob sie ihm das Gepäck abnehmen könnte, fragt die Stewardess zuvorkommend. Aber sicher. Unter dem Gewicht des Rucksacks geht die zarte Frau fast zu Boden. Tatsächlich, die Sektgläser sind unzerbrechlich, aber, wie Hector feststellt, die Teller nicht. Die Business-Class und ihre Gäste einem Slapstick-Härtetest zu unterziehen, treibt nicht nur die Lachtränen in die Augen. Die grandiose Selbstfindungs-Komödie „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ erhält dadurch auch einen Schwung, der sie bis zum Ende trägt.

Hector (Simon Pegg) ist außen Tourist, innen Glücksforscher - zunächst in China.

 

Die Frauen reden über Erektionsprobleme, die Männer brächten so gern ein Kind zur Welt. Oder so ähnlich. Denn die Patienten in Hectors Psychiaterpraxis, unter ihnen Veronica Ferres als frustrierte Wahrsagerin, werden allmählich austauschbar. Ein Tag gleicht für Hector dem anderen, so nett seine Freundin Clara (Rosamund Pike) ihrer beider Routineleben auch einrichtet. Als eine Patientin behauptet, sie sei total am Ende, springt Hector hysterisch auf, blättert in einer Zeitschrift und schreit: „Sie am Ende? Von wegen! Diese Frau in Afrika ist am Ende!“ Dann schlägt er ein Tim-und-Struppi-Comicheft auf und brüllt: „Hier, Tim ist am Ende!“ Und alle wissen: Hector ist am Ende.

 

Zeit also, richtig glücklich zu werden. Aber wie macht man das? Weder Hectors Kollegen noch Clara haben darauf eine befriedigende Antwort. Mit einem Tagebuch bewaffnet, ausgerüstet wie ein Rucksacktourist, aber, dank Clara, mit Erste-Klasse-Tickets ausgestattet, bereist Hector China, Afrika und schließlich die Westküste der USA, um das Glück zu erforschen. Er erfrischt sich am gekauften Glück reicher Männer wie Edward (Stellan Skarsgård) und leidet mit der Studentin und Prostituierten Ying Li (Ming Zhao) unter dem Markt käuflicher Liebe. Er bringt kranke Kinder zum Lachen und Warlords oder Drogenbarone wie Diego (Jean Reno) mit der Frage nach ihrer persönlichen Vorstellung von Glück fast aus der Fassung.

Veronica Ferres hat eine schöne Gastrolle als frustrierte Wahrsagerin Anjali.

 

„Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ beruht auf dem gleichnamigen, millionenfach verkauften Weltbestseller von François Lelord. Wie vor ihm die französischen Moralisten nimmt der Autor darin mit ironischer Naivität die menschliche Spezies unter die Lupe, um ihre alltäglichen Merkwürdigkeiten und Ungeheuerlichkeiten zur Kenntlichkeit entstellt hervortreten zu lassen. Wie schon bei Voltaires Candide klappt das als Buch bei Lelord gut, aber eine 1:1-Übertragung auf das Medium Film wäre monoton.

 

Hector erst einmal explodieren und etwas garstig-anarchisch werden zu lassen, ist deshalb genau richtig. Die entscheidende Zutat dürfte dem englischen Regisseur Peter Chelsom zu verdanken sein, der auch am Drehbuch mitschrieb. So wie Hector irgendwann sein Tagebuch verliert, lässt auch Chelsom die Vorlage an den richtigen Stellen hinter sich. Wohldosiert greift er in die Trickkiste des Possenreißens, dem er in „Funny Bones – Tödliche Scherze“ einen ganzen Film widmete, setzt pittoreske Tupfer mit Löwen an OP-Zelten in afrikanischer Steppe und betrachtet auch ernste Szenen durchs Prisma des Humors und des fantasievollen Eskapismus. Der Ausbruch aus der Normalität lässt diese wieder als einen Hort des Glücks erscheinen, ohne dass der Film wirklich kitschig würde. So ein Feel-Happy-Movie ist Genuss.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2014 Egoli Tossell Film / Wild Bunch
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Hector And The Search For Happiness
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Wild Bunch
Laufzeit: 119 Min.