Kreativ gegen Krebs

„Heute bin ich blond“, morgen rot- und übermorgen schwarzhaarig: Eine junge Studentin bietet ihrem Tumor auch mit traumhaften Perücken die Stirn. Die phasenweise vielleicht etwas zu gelackte Verfilmung einer wahren Geschichte ist ein echter Mutmacher im Kampf gegen lebensgefährliche Krankheiten.

Sophie (Lisa Tomaschewsky) entwickelt eine Strategie, mit dem Krebs klarzukommen: Sie wechselt täglich die Perücke.

 

Eines Morgens in der Klinik hat Sophie (Lisa Tomaschewsky) ihre herrliche Haarpracht gleich büschelweise in der Hand. Das ist die Folge der Chemotherapie, die sie im Krankenhaus über sich ergehen lassen muss. Ihren Humor und ihre Entschlossenheit verliert Sophie dadurch nicht. „Schwörst Du, dass Du damit nur Dein Kopfhaar bearbeitet hast?“ fragt sie ihren Pfleger Basti (Daniel Zillmann), als sie sich von ihm einen Rasierer ausleiht, um sich kahl zu scheren. – Das Drama „Heute bin ich blond“ begegnet der Lebensgefahr im Zweifelsfall mit Freimut und Esprit. Auch auf das Risiko hin, nicht ganz realistisch zu sein.

Ein bösartiger Tumor sitze in ihrem Brustfell, wird der angehenden Kulturwissenschaftsstudentin Sophie beschieden, als sie sich wegen eines äußerst hartnäckigen Hustens an Spezialisten wendet. Da inoperabel, will man der lebensgefährlichen Erkrankung mit Medikamenten und Bestrahlung beikommen. Für Sophie, lebenslustig, temperamentvoll und sexuell selbstbewusst, ist das ein Riesenschock. Doch sie will weiterleben und möglichst nichts von dem Spaß und Genuss an ihrem Dasein aufgeben.

Sophies (Lisa Tomaschewsky) Mutter (Maike Bollow, links) steht ihrer Tochter zur Seite.

 

In Einklang mit der Vorlage, dem gleichnamigen, weltweit erschienenen Bericht der Holländerin Sophie van der Stap, ist mit „Heute bin ich blond“ so etwas wie eine Hipster-Version des Kampfes gegen die Karzinome entstanden. Stärker zugespitzt als im Buch preist der Film neben der intensiven medizinischen Versorgung vor allem zwei Strategien der Heilungsunterstützung, die Kreativen besonders gut liegen: Kommunizieren – Sophie führt einen Blog – und sich selbst (neu) erfinden. Letzteres wegen des Haarausfalls mit insgesamt neun verschiedenen Perücken. Mit jeder einzelnen – heute blond, morgen rot-, übermorgen schwarzhaarig – feiert Sophie die Facetten ihrer Persönlichkeit und stärkt so sich selbst. Ihre Leidensgenossin Chantal (Jasmin Gerat), der es schlimm ergeht, verfügt nicht über solche Fähigkeiten.

Konsequent konzentrieren sich Regisseur Marc Rothemund („Sophie Scholl – die letzten Tage“) und Drehbuchautorin Katharina Eyssen auf den ‘Kreativ-Ansatz’ – und nehmen in Kauf, dass das ganze Drumherum etwas zu idealtypisch gerät. Nur total nette, entspannte, gut gelaunte Pfleger kümmern sich um Sophie, während Mama (Maike Bollow), Papa (Peter Prager), Schwester (Alice Dwyer) und Freundin (Karoline Teska) einträchtig am Bett sitzen. Und nicht nur Sophies Stammkneipen im Szeneviertel Hamburgs, wohin die Handlung verlegt wurde, sondern auch das hypermoderne Hochglanz-Krankenhaus sehen durch das Okular des werbeerfahrenen Kameramanns Martin Langer wie in der Reklame aus.

Die Haare sind ab: Sophies (Lisa Tomaschewsky) Krankheit ist nun nicht mehr zu übersehen.

 

Korrigieren kann diesen Eindruck weder die erwartbare Wechsel-Dramaturgie von Fortschritt und Rückschlag noch die vielleicht etwas unerfahrene Hauptdarstellerin. Dafür aber Momente wirklicher Tiefe wie Chantals Agonie oder die subtile Andeutung, dass es eigentlich erst die unvermeidliche, fast totale Besetzung von Sophies Gedanken durch den Tumor ist, die ihre Beziehung zu dem Fotografen Rob (David Rott) zu zerstören droht. „Heute bin ich blond“ macht durch Sophies Vorbild allen (insbesondere jungen) Menschen Mut, die von einer heimtückischen Krankheit betroffen sind. Und hilft manchmal auch zu verstehen.

Text: Andreas Günther / Fotos: Universumfilm
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Universum
Laufzeit: 116 Min.