Wenn Roosevelt auf Königs trifft

Viermal wählten ihn die Amerikaner zu ihrem Präsidenten, so oft wie keinen vor und nach ihm. Doch in jener Abstimmung, die Ende 2012 unter den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences durchgeführt wurde, war Franklin D. Roosevelt seinem republikanischen Konkurrenten deutlich unterlegen: Während Steven Spielbergs Faktenbollwerk „Lincoln“ zwölf Oscarnominierungen erhielt, ging das luftigere Roosevelt-Filmchen „Hyde Park am Hudson“ gänzlich leer aus. Zu Recht?

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Von den Rahmenbedingungen her scheinen die zwei Filme gar nicht mal so unähnlich: Beide zeigen nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben eines angesehenen US-Präsidenten, der persönliche und politische Werdegang bleibt weitestgehend außen vor. Doch während in Spielbergs Präsidentenepos der amerikanische Bürgerkrieg seinen blutigen Höhepunkt erreicht, beleuchtet Roger Michell in „Hyde Park am Hudson“ eine Begebenheit, die dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg unter Roosevelts Oberbefehl ein paar Jahre vorausging. Auch damals, Ende der 1930-er war die politische Lage nicht unkompliziert, aber noch längst nicht so gefährlich wie 1865 – was Roger Michell in seiner Inszenierung mehr Freiheiten ließ.

So basiert „Hyde Park am Hudson“, benannt nach dem Roosevelt’schen Rückzugsort, auch nicht auf einem Sachbuch, sondern auf einem gleichnamigen BBC-Hörspiel, das dessen Autor Richard Nelson gleich noch für die Leinwand umarbeiten durfte. Anlass der Ausstrahlung am 7. Juni 2009 war der 70. Jahrestag einer historischen Begegnung: Zum ersten Mal besuchte ein britischer König – der berühmte Stotterer Georg VI. (Samuel West) – nebst Gattin (Olivia Colman) einen amerikanischen Präsidenten, nämlich Franklin D. Roosevelt (Bill Murray).

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Ob Murray dem historischen Vorbild mit seinem Spiel nun nahe kommt oder nicht, wurde von der amerikanischen Presse mit viel Leidenschaft, aber ohne eindeutiges Ergebnis diskutiert. Augenfällig wird hingegen, wie weit sich Murray in dieser Rolle von seinen sonstigen entfernt: Der Sarkasmus, für den seine Figuren sonst berühmt sind, scheint nicht zu Roosevelts Repertoire zu gehören.

Was nicht heißen soll, dass der Mann keinen Humor hätte – oder gar der ganze Film. Als Regisseur von „Notting Hill“ und „Morning Glory“ ist Roger Michell schließlich ausgewiesener Komödienexperte, ausgestattet mit einem guten Gespür dafür, wie absurd eine Situation werden darf, um komisch, aber nicht unglaubwürdig zu wirken. Und an Gelegenheiten, solche Situationen heraufzubeschwören, soll es während eines royalen Besuchs nicht mangeln – allein schon aufgrund der Unsicherheit der Amerikaner in Etikettefragen.

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Nun entschied sich Autor Richard Nelson jedoch, diesen charmant inszenierten Handlungsstrang mit einer weiteren Anekdote aus dem bewegten Leben des poliokranken US-Präsidenten zu verflechten: der Affäre mit seiner entfernten Cousine Margaret „Daisy“ Suckley (Laura Linney).

Leider will es Regisseur Roger Michell einfach nicht so recht gelingen, dem Zuschauer die Anziehung zwischen Roosevelt und der nur skizzenhaft angelegten grauen Maus Daisy glaubhaft zu machen. Sie führen keine anregenden Gespräche, es fliegen keinerlei Funken – die Beziehung der beiden bleibt über weite Strecken ein prominent platzierter Fremdkörper. Ein Bremsklotz, der die ohnehin sehr gemächlich erzählten Geschichte immer wieder ins Stocken geraten lässt. Wirklich schade um die schönen Gags.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Tobis Film
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Hyde Park on Hudson
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Tobis
Laufzeit: 95 Min.