Suche Augen, finde Seele wieder

Ausgerechnet ein strenger Wissenschaftler, der Molekularbiologe Ian (Michael Pitt), fühlt sich wie von göttlicher Hand geleitet. An einem 11. November hat er gerade um elf Uhr, elf Minuten und elf Sekunden für elf Dollar und elf Cents ein paar Kleinigkeiten in einem Laden erworben. Da muss er einfach den Bus Nr. 11 nehmen, der draußen hält. Er spürt: Nur so findet er jene maskierte Frau, die ihn auf einer Party brüsk verführt hat. Nur ihre Augen hat er fotografiert, und er begegnet ihnen überall, auf riesigen Reklametafeln, in Zeitungsanzeigen, im Internet. „I Origins – Im Auge des Ursprungs“ treibt ein raffiniertes Spiel mit den surrealen Motiven des Großstadtthrillers. Doch das ist nur der Auftakt für ein Mystery- und Science-Fiction-Drama mit aufregenden Ideen zum Stammbaum der Menschheit.

Geleitet von ihrem Augenpaar, das er in der ganzen Stadt sieht, sucht Ian (Michael Pitt) nach einer Unbekannten, die er nur als Maskierte kennt.

 

Die Frau, die Ian sucht, ist das verschlossene und zurückgezogen lebende Fotomodell Sofi (Astrid Bergès-Frisbey). Besonders Sofi hat das Gefühl, das zwischen ihr und Ian eine geheime Verbindung besteht, dass sie füreinander bestimmt sind. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Liebesbeziehung und heiraten. Gleichzeitig steht Ian zusammen mit seiner Assistentin Karen (Brit Marling) vor einer großen Entdeckung über die Evolution des menschlichen Auges.

Sofi (Astrid Bergès-Frisbey) und Ian (Michael Pitt) scheinen füreinander bestimmt zu sein.

 

Als Sofi bei einem schrecklichen Unfall stirbt, ist Ian am Boden zerstört. Nur langsam kann Karen ihn dazu bringen, die gemeinsame Forschung zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Die beiden kommen auch privat zusammen. Jahre vergehen, Karen bekommt einen Sohn. Bei einer Routineuntersuchung des Kindes stoßen sie auf Hinweise, dass identische Augen-DNA vererbbar scheint – aber nicht entlang der Abstammungslinien. So wurde die Augen-DNA der verstorbenen Sofi kürzlich in Indien registriert …

Karen (Brit Marling) unterstützt Ian zunächst nur bei seinen Forschungen, ehe sie auch im privaten Leben seine Partnerin wird.

 

Im Kratz-Pullover, mit ungepflegten Haaren und Brille ist Brit Marling kaum zu erkennen, ehe das Drehbuch ihr eine neue Frisur, ein elegantes Kleid und die mahagonigetäfelte Umgebung eines auch finanziell erfolgreichen Wissenschaftler-Paares beschert. In „I Origins – Im Auge des Ursprungs“, geschrieben und gedreht von Mike Cahill, spielt die Blondine mit intellektuellem Charme nur eine Nebenrolle. Dennoch ist die 32-Jährige längst Emblem einer Handvoll Independent-Produktionen befreundeter Filmemacher geworden, die Genre-Muster benutzen, um Nachdenken und alternative Sichtweisen zu Sinn, Existenz und Verantwortung der Menschheit zu initiieren. Das Sci-Fi-Drama „Another Earth“, das sie gemeinsam mit Mike Cahill schrieb, setzte sich mit der Möglichkeit eines Paralleluniversums auseinander, im Thriller „The East“ hinterfragten sie und Regisseur und Co-Autor Zal Batmanglij den Öko-Terrorismus und seine schmutzige Bekämpfung.

Ian (Michael Pitt) sucht in Indien nach dem Menschen mit der Augen-DNA seiner verstorbenen Frau Sofi.

 

„I Origins – Im Auge des Ursprungs“ widmet sich nun Seelenwanderung und Reinkarnation. Ausgangspunkt ist der in vielen Philosophien, Religionen und Literaturen präsente Glaube, Augen seien so etwas wie Fenster der Seele. Packend und gleichzeitig ungezwungen trägt der Film seine Thesen von Wiedergeburt und Vorherbestimmung vor. Er lässt sich von Film noir und Science Fiction inspirieren, aber nicht beherrschen. Eine leicht spröde Ästhetik markiert die Abweichung von der Tradition und gibt dem Unvorhersehbaren Raum. Vielfach wird angedeutet, dass die Geschichte auch andere Wendungen mit anderen Begegnungen der Figuren nehmen könnte. Damit regt die Form dazu an, den Inhalt und die zentralen Gedanken des Films ganz eigenständig zu prüfen.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Piffl Medien / Christian Schulz
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: I Origins
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Laufzeit: 108 Min.