Schmalzmusik und Massenmörder

Wirtschaftswunder und Wiederaufbau sind richtig in Schwung gekommen, und nach der Arbeit versüßen die Schlager von Vico Torriani und Caterina Valente den Feierabend. Nur einem ist im Frankfurt am Main des Jahres 1958 nicht mehr nach Amüsement zumute. Der gut aussehende junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) brütet auf Partys meist einsam vor sich hin. In seiner Junggesellenwohnung stapeln sich Akten über Naziverbrecher, in seinen Albträumen besucht er KZ-Arzt Josef Mengele in seinem Arbeitszimmer. „Das ist der Schlimmste, weil er so ist wie wir“, sagt Radmann. Gerade deshalb, weiß das etwas holprige Drama „Im Labyrinth des Schweigens“, ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit so mühevoll.

Auschwitz? Im Jahre 1958 sind juristische Untersuchungen zum nationalsozialistischen Massenmord umständlich - und nicht gern gesehen.

 

Dabei ist es Radmann anfangs nur leid, sich um Verkehrsdelikte zu kümmern. Als keiner seiner Kollegen die Anzeige wegen Massenmordes gegen einen Lehrer aufnehmen will, die der „Frankfurter Rundschau“-Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) und der jüdische Künstler und ehemalige KZ-Insasse Simon Kirsch (Johannes Krisch) anstrengen, nimmt sich Radmann der Sache an.

 

Er sticht in ein Wespennest von Verdrängung. Die Seilschaften zwischen ehemaligen Funktionären und Schergen des NS-Regimes und den Autoritäten der jungen Bundesrepublik reichen bis in die Spitzen von Justiz, Politik und Wirtschaft. Nur der freilich weitgehend isolierte Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) unterstützt Radmann bei seinen Ermittlungen.

Der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) sticht in ein Wespennest von Verdrängung.

 

Wie wichtig die Auseinandersetzung mit den Gräueln des Dritten Reiches ist, zeigt die spontane Umfrage des Journalisten Gnielka im Justizgebäude: Von Auschwitz haben Radmanns Kollegen bisher so wenig gehört wie er selbst. Allenfalls sei das doch nur ein Kriegsschauplatz gewesen wie viele andere auch, oder? Was er einmal in einem Film gesehen habe, hält der ranghöhere Staatsanwalt Otto Haller (Johann von Bülow) bloß für alliierte Propaganda. Ungläubig hält Radmanns Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) beim Protokollieren der ersten Zeugenaussagen immer wieder inne. Aber dann muss sie sich vor Entsetzen übergeben. Zu demonstrieren, wie schwierig es gewesen ist, in der jungen Bundesrepublik auch bei Menschen mit innerer Bereitschaft dazu ein Bewusstsein für die Dimensionen des industriellen Tötens der Nazis zu schaffen, ist das große Verdienst von „Im Labyrinth des Schweigens“. Ganz besonders heutzutage, da man sich mit Informationen über die Shoah überfüttert glaubt.

 

Die Motivik des Labyrinths ist für Radmanns schwierige Untersuchungen, die im Kern für die Vorarbeit des Auschwitz-Prozesses von 1963 bis 1965 stehen, dabei durchaus passend. Auch wird dem Aufklärer, der immer wieder den roten Faden verliert und seine eigene Familie in den Genozid verwickelt findet, clevererweise als Freundin die Schneiderin Marlene Wondrak (Friederike Becht) an die Seite gestellt, die die neue alte Elite einkleidet. Nur ärgert man sich über die hölzerne Didaktik, die plakativen Dialoge und das aufdringliche Pathos von Regisseur Giulio Ricciarelli und Autorin Elisabeth Bartel.

Radmanns Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) geht fassungslos die Zeugnisse der Verbrechen durch.

 

Der Polarität von Schmalzmusik und Massenmördern als angenommene Grundcharakteristik der 1950er-Jahre ist der Film zudem nicht gewachsen. Wenn sich Radmann nach persönlicher Krise mit einem „Ich bin wieder da, Schmittchen“ zur Arbeit zurückmeldet, wird die falsche Gemütlichkeit bedient, die man kritisieren will. Richtig und notwendig ist „Im Labyrinth des Schweigens“ natürlich trotzdem.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © CWP Film / Universal Pictures / Heike Ulrich
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 118 Min.