Liebe deinen Nächsten

Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis der bei der Berlinale 2013 mit dem Teddy-Award ausgezeichnete Film „Im Namen des …“ von Malgorzata Szumowska in Deutschland endlich in die Kinos kommt. Dabei ist das vielschichtige Drama eine äußerst gelungene Annäherung an das auch in Deutschland immer noch sehr aktuelle Tabuthema Kirche und Homosexualität: Szumowska („Das bessere Leben“) zeigt einen schwulen Priester, der in der polnischen Provinz verzweifelt versucht, seiner homosexuellen Neigungen Herr zu werden.

Der charismatische Adam (Andzej Chyra) nimmt sein Amt als Priester sehr ernst.

 

Der bärtige Adam, herausragend gespielt von Andrzej Chyra, ist wahrlich ein Prachtexemplar von einem Priester. In einer perfekten Mischung aus Fürsorglichkeit und Strenge kümmert er sich um die ihm anvertrauten verlorenen Schäfchen, von denen es in dem Kaff, in das er strafversetzt wurde, einige gibt.

 

Schon bald tritt in dem gottverlassenen Paradies auch eine Ewa (Maja Ostaszewska) auf den Plan, die ihn zu verführen versucht. Doch Adam bleibt standhaft, sagt ihr, er sei schon vergeben. Doch es ist zu seiner Verzweiflung nicht einzig Gott, dem sein Herz gehört: Der Priester liebt auch den introvertierten Bauernjungen Lukasz (Mateusz Kosciukiewicz), der sich rührend um seinen geistig behinderten Bruder kümmert und in der recht verrohten Männergemeinschaft des Dorfes häufig malträtiert wird.

Adam (Andrzej Chyra, Mitte) kümmert sich um schwer erziehbare Jungs.

 

Kameramann Michal Englert findet andächtig-poetische und zugleich spannungsgeladene Bilder, wenn er zeigt, wie Adam die Wunden von Lukasz nach einer Prügelei auswäscht. Oder wenn er ihn im Wasser überaus behutsam in seinen starken Armen hält, um ihm das Schwimmen beizubringen. Gegen die Liebe der beiden könnte ein gerechter Gott wahrlich nichts haben, so rein sind die Gefühle, die die beiden füreinander hegen.

 

Es sind diese Gefühle, die die äußerst talentierte polnische Regisseurin in ihrem vierten Langspielfilm dem Zuschauer ungewöhnlich nahezubringen versteht. Man joggt zusammen mit Adam endlose Strecken durch den lichtdurchfluteten Wald, um zur Ruhe zu kommen, man durchlebt mit ihm die furchtbare nächtliche Einsamkeit, die er mit kalten Bädern und Wodka zu überwinden sucht. Wie erleichtert ist man als Zuschauer, wenn Adam und Lukasz in einem labyrinthischen Maisfeld einander jauchzend jagen, sich für eine kleine Weile mit lautem Affengeschrei von ihren selbstauferlegten, unsinnigen Selbstzwängen befreien. Adam schreit per Skype seiner fernen Schwester seine tiefe Verzweiflung über seine sexuelle Gelüste hinaus, er tanzt betrunken zu Rockmusik mit dem Porträt des damaligen Papstes Benedikt durch seine Wohnung, doch der kann ihm natürlich auch nicht helfen. Inzwischen hat die Welt einen neuen Papst, der sich für einen Kirchenmann ungewöhnlich radikal öffentlich fragt, wer er denn sei, einen schwulen Priester zu verurteilen.

Lukasz (Mateusz Kosciukiewicz) sieht Jesus gar nicht mal so unähnlich.

 

Wie weit ist dieser unschuldig liebende Priester von dem Schreckgespenst des Kirchenmannes entfernt, der seine Zöglinge missbraucht. Das Großartige an Szumowskas Film ist, dass die kluge und vorurteilsfreie Regisseurin weder ein Pamphlet gegen die katholische Kirche gedreht noch den Kirchengegnern weitere Munition geliefert hat. „Im Namen des …“ ist schlichtweg ein eindringliches, höchst poetisches Plädoyer für die Liebe – in all ihren göttlichen Erscheinungsformen.

 

Text: Gabriele Summen / Fotos: © Salzgeber
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: W imie …
Genre: Drama
Freigabealter: 16 (beantragt)
Verleih: Salzgeber
Laufzeit: 96 Min.