Nichts ist nicht möglich

Einen Roman von Thomas Pynchon (Jahrgang 1937) zu lesen, gehört zu den ganz großen Vergnügen. Und zu den ganz großen Herausforderungen. Der US-Autor ist kein Mann der klaren Worte. Im Gegenteil. Seine Sprache ist experimentell und wild, dabei geistreich und fantasievoll. Die verschachtelten Geschichten folgen einer eigenen Logik und haben einen eigenen Rhythmus. Nur acht Romane hat Pynchon seit seinem schriftstellerischen Debüt 1963 verfasst und gilt doch als einer der wichtigsten Literaten der Gegenwart. „Natürliche Mängel“ erschien 2009 und ist der erste, der jemals verfilmt wurde: Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „There Will Be Blood“, „The Master“) inszenierte den komplexen Kifferkrimi als kurzweiligen Trip ins Los Angeles der späten 60er-Jahre.

Doc Sportello (Joaquin Phoenix) genießt das Leben in vollen Zügen aus der Tüte.

 

„Natürliche Mängel“ die exzentrische und abgefahrene Odyssee eines Kiffers, den Joaquin Phoenix mit brillanter Lethargie spielt. Er sieht als Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello aus wie eine Mischung aus Wolverine und John Lennon und ist zweieinhalb Stunden lang auf der Suche: nach seiner Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston), nach dem Immobilienhai Mickey Wolfmann (Eric Roberts), nach dem Saxofonisten Coy Harlingen (Owen Wilson), nach einem mysteriösen Dreimaster, der sich als Teil einer Geheimorganisation entpuppt. Vor allem aber sucht er nach Gelassenheit in einer Welt, die genauso ihre Gelassenheit verliert, wie der notorisch miesgelaunte Hippie-hassende Cop Christian „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin).

 

Die späte Hippie-Zeit ist geprägt von Paranoia und Angst. Nixon ist Präsident, Ronald Reagan Gouverneur von Kalifornien. Fröhliche Kiffer werden von geschäftstüchtigen Heroin-Kartellen abgelöst, Baulöwen betonieren die Landschaft zu, Charles Manson schickt seinen VW-Bus durch Kalifornien, in dem ein Haufen konservativer Spinner „Erwache!“ brüllt. Und auch die Liebe ist 1969 nicht mehr so frei, wie sie sein will. In diesem Kosmos lassen Pynchon und Anderson Kiffer und Cops, Juden und Nazis, Rocker und Zahnärzte, Spitzel und Kellnerinnen aufeinander los.

Am Ende geht's um die Liebe: Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) und Doc Sportello (Joaquin Phoenix) kommen nicht voneinander los.

 

Anderson kann dabei durchaus eine Geistesverwandtschaft mit Pynchon attestiert werden. Beide sind präzise Beobachter der Wirklichkeit die ihre messerscharfen Analysen kunstvoll verpacken können. Sie belustigen sich und widmen sich doch mit bitterem Ernst dem, was schief läuft. Kunstvoll inszeniert mit sonnendurchfluteter Grandezza und durchwirkt mit düsteren Flecken der Verzweiflung ist „Natürliche Mängel“ ein wehmütiger, comic-artiger Abgesang auf die Hippie-Zeit mit angenehm beiläufigen Gegenwartsbezügen.

 

Man sollte genau hinsehen, denn die Großartigkeit des Films liegt in seinen Details, in den kleinen Gesten der durchweg fantastischen Darsteller (in Nebenrollen: Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Joanna Newsom, Jena Malone), in den Beiläufigkeiten außerhalb des Kamerafokus’. Figuren treten auf, verschwinden, kommen wieder. Handlungsebenen werden kurz beleuchtet, vergessen und wiederentdeckt.

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Alles hängt irgendwie zusammen. „Natürliche Mängel“ ist manchmal eine echt harte Nuss: Doch irgendwann fügt sich alles zu einem Ganzen und endet in einem Orgasmus des Geistes mit multiplen Aha-Effekten. Mit fassungslosem Lächeln sieht man, wie euphorisch man in den Untergang marschieren kann. Natürliche Mängel, so lernt man, das sind Sachen, die einfach passieren und die niemand aufhalten kann.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © 2013 Warner Bros. Entertainment Inc. / Wilson Webb
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Verstehen Sie Pynchon? Macht nichts! "Inherent Vice - Natürliche Mängel" ist die grandiose Verfilmung eines phänomenal-aberwitzigen Kifferromans mit Erleuchtungsgarantie.
 
 
 
Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Inherent Vice
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Warner
Laufzeit:
149 Min.