Musikalischer Mob?

Sie verkauften geschätzt über 100 Millionen Tonträger, sind eine der erfolgreichsten Vocal-Pop-Bands aller Zeiten, landeten gleich mit ihren ersten drei Singles („Sherry“, „Big Girls Don’t Cry“ und „Walk Like A Man“) Nummer-eins-Hits in den USA und waren zu ihren besten Zeiten so populär wie Elvis und die Beatles: Mit mehrstimmigem Harmonien und eingängigen Popsongs, vor allem aber dank des spektakulären Falsetts von Frontmann Frankie Valli schrieben The Four Seasons Anfang der 60er-Jahre Musikgeschichte.

Ihre zahlreichen Hits lieferten die Vorlage zum mehrfach preisgekrönten Jukebox-Musical „Jersey Boys“, das 2005 zunächst am Broadway, dann weltweit riesige Erfolge feierte. Jenes liefert nun die Grundlage für einen gleichnamigen Kinofilm – bei dem niemand Geringerer als Clint Eastwood die Regie übernahm.

Geschniegelt und gestriegelt (von links): Frankie Valli (John Lloyd Young), Tommy DeVito (Vincent Piazza), Nick Massi (Michael Lomenda) und Bob Gaudio (Erich Bergen) sind The Four Seasons.

 

Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl: Wird die 84-jährige Schauspiel-Legende, der preisgekrönte Regisseur von schwergewichtigen Dramen wie „Mystic River“, „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“, auf seine alten Tage noch ein Meister der leichten Muse? Inszeniert er hier eine bunte Nummern-Revue der Marke „Mamma Mia!“? Natürlich nicht. Eastwood gibt zwar an, die Musik der Four Seasons immer gemocht zu haben, vor allem aber interessierte ihn, so der Regisseur, „wie diese jugendlichen Quasi-Straftäter, die unter widrigen Umständen aufgewachsen sind, eine derartige Erfolgsgeschichte erleben konnten“.

 

Ihn reizte das dramatische Potenzial des Stoffs: Schon das Musical erzählte schließlich auch von den – lange Zeit weitgehend unbekannten – Anfängen des erfolgreichen Quartetts. Anfang der 50er-Jahre ist Sänger Frankie Valli (John Lloyd Young) noch ein minderjähriger Friseur-Lehrling, der vom etwas älteren Gitarristen Tommy DeVito (Vincent Piazza) und dessen Freund Bassist Nick Massi (Michael Lomenda) unter deren Fittiche genommen wird. Sie sind fast schon gewöhnliche, italienischstämmige „Jersey Boys“: Sie träumen von einer Karriere wie Frank Sinatra und pflegen den Zusammenhalt innerhalb ihrer Community – der auch den Kontakt zu Mafia-Boss Gyp DeCarlo (Christopher Walken) nicht ausschließt. Bei einer ihrer kleinen Gaunereien, dem Raub eines Safes, geht dann alles schief: Die drei werden von der Polizei erwischt, DeVito landet für sechs Monate ihm Gefängnis.

Eine (Falsett-)Stimme, die schon ganz New Jersey begeistert: Frankie Valli (John Lloyd Young).

 

Eastwood nimmt sich die Zeit, diese Vorgeschichte zu erzählen, seine Hauptcharaktere und späteren Antagonisten zu entwickeln. Denn zunächst mag Valli noch der schüchterne Sänger sein, dessen Falsettstimme den Mafiaboss zu Tränen rührt und ihn zu dessen Förderer und Beschützer werden lässt. Als Frontmann muss er jedoch bald mit DeVito aneinandergeraten – erst recht, als er merkt, dass er gemeinsam mit dem zwischenzeitlich rekrutierten Songwriting-Talent Bob Gaudio (Erich Bergen) ein geniales Duo bildet. Heißsporn DeVito hingegen versteht sich als Kopf und Macher. Letztlich bringt er die Band aber durch sein irrationales Verhalten, durch von ihm verursachte Schulden, an den Rande des Abgrunds.

 

Die Geschichte dieser schwierigen Freundschaft ist es denn auch, die den Film vorantreibt. Die Bandhistorie hingegen – bis zu ihrem ersten Hit der Band vergehen fast zehn Jahre – wird eher im Zeitraffer erzählt: Die jahrelange Ochsentour durch Clubs sowie die zahlreichen frühen Versuche, einen Hit zu landen, aber auch die Hysterie, die die Band nach ihrem Durchbruch hervorruft, spielen kaum eine Rolle. Auch die privaten Dramen – Vallis zwei gescheiterte Ehen, der frühe Tod seiner Tochter – werden nicht wirklich überzeugend auserzählt.

Eine (Falsett-)Stimme, die schon ganz New Jersey begeistert: Frankie Valli (John Lloyd Young).

 

Dass „Jersey Boys“ – auch über lange 134 Minuten – unterhaltsam bleibt, liegt natürlich an den Songs – und den großartigen stimmlichen Darbietungen. Nicht umsonst begeisterte Hauptdarsteller John Lloyd Young bereits in der Uraufführung des Musicals am Broadway. Auch die ungewöhnliche Erzählperspektive des Stücks – jedes der Bandmitglieder wendet sich mit seiner Sicht der Dinge dem Publikum zu und führt durch einen Teil der Story – behält Eastwood bei und lockert dadurch den Film auf. Eine knallbunte Musical-Verfilmung ist „Jersey Boys“ aber nicht. Denn wie er selbst zugibt: Seine Liebe als Regisseur gehört eben in erster Linie den Charakteren und ihrer (Mafia-)Vorgeschichte – und nicht der Musik.

 

Text: Stefan Weber / Fotos: © 2014 Warner Bros. Ent. / Ratpac Ent.
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Jersey Boys
Genre: Musical
Freigabealter: ab 6
Verleih: Warner Bros.
Laufzeit: 134 Min.