Die Ernte muss ausfallen

Mit der „Matrix“-Trilogie schufen Andy und Lana Wachowski einen modernen Klassiker der Science Fiction – und bewiesen eindrucksvoll, dass sie gern die wirklich großen Fragen behandeln. Auch das aktuelle Werk der Geschwister beleuchtet nichts Geringeres als die Entstehung der Menschheit. Diese ahnt in der kitschig-düsteren Welt von „Jupiter Ascending“ mal wieder nichts: zum Beispiel davon, dass unsere Gattung einst von adeligen Außerirdischen auf der Erde angebaut wurde. Doch die Alien-Dynastie gerät ins Wanken, als eine junge Erdenfrau (Mila Kunis) durch ihre exklusiven Gene das Erbe der galaktischen Herrscherin in Frage stellt. Es beginnt eine zitatreiche Weltraum-Saga, die ihr episches Potenzial aber durch Belanglosigkeiten verspielt.

Jupiter (Mila Kunis) ist eigentlich eine normale junge Frau, die sich mit Putzjobs über Wasser hält. Bis sie erfährt, dass sie rechtmäßige Erbin der Herrscherin der Galaxie ist.

 

„Jupiter Ascending“ erinnert natürlich frappant an den philosophisch-religiösen Überbau in „Matrix“: Die unwissende Menschheit dient in Wahrheit einer höheren externen Macht, nur eine Auserwählte mit besonderen Eigenschaften kann sie noch retten, muss dafür aber von einem wohlmeinenden Eingeweihten aufgeklärt werden. Diesmal sind es keine unterjochenden Maschinen, die uns aussaugen, sondern ein extraterrestrisches Adelshaus, das die Galaxie beherrscht und nach dem Tod der Despotin gerade in einen veritablen Erbstreit verwickelt ist.

 

Das Äquivalent zur „Matrix“-Hauptfigur Neo ist die ahnungslose Putzfrau Jupiter Jones. Diese ist recht schockiert, als ihr der ehemalige Söldner Caine (Channing Tatum) mal eben eröffnet, dass sie ein Gen in sich trägt, welches sie zur rechtmäßigen Erbin der Galaxisherrscherin macht. Als der von Wölfen abstammende Muskelklotz sie schließlich darüber aufklärt, dass außerirdische „ursprüngliche“ Menschen jene auf der Erde nur angepflanzt haben, um aus ihnen eine Art Unsterblichkeits-Serum zu gewinnen, begreift Jupiter das Ausmaß ihrer Bestimmung: Sie hat es in der Hand, das Universum zu verändern …

Da taucht man nichtsahnend auf und dann ist da der Jupiter.

 

Während sich für die junge Frau also jenes riesige unbekannte Weltall auftut, – mit dem sie im Übrigen angenehm ironisch umzugehen weiß –, gerät die mit grandiosen 3D-Effekten versehene Galaxie für den Zuschauer zum unendlichen popkulturellen Déjà-Vu: Abgesehen von der „Matrix“-Referenz präsentieren sich Ästhetik und Erzählweise durchweg als direkte „Star Wars“-Analogie – von den griechisch-romantischen und düster-industriellen Planeten, über die neo-barocken Kostüme und klonartigen Armeen bis zur märchenhaften Prinzessinnen-Story und feudalen politischen Organisation.

 

Doch „Jupiter Ascending“ versucht sich an einer logischen Verknüpfung mit den Mysterien der Erde: Wer hat beispielsweise die Dinosaurier ausgerottet? Natürlich die fortgeschrittenen Fürsten – nicht jedoch, ohne die Echsen später als Armee-Elite zu zivilisieren. Von Alien-Entführung bis Werwolf-Legenden: alles das Werk der adligen Kolonisatoren. Dass die Menschen von den regelmäßigen Kämpfen und Interventionen auf der Erde nichts mitbekommen, liegt daran, dass man sie durch eine Art gigantisches „Men In Black“-Blitzdingsbums einfach „vergessen macht“.

Ex-Söldner Caine (Channing Tatum, links) wird von Stinger (Sean Bean) instruiert, wie die Menschheit gerettet werden kann.

 

Kling eigentlich verheißungsvoll. Doch die Sci-Fi-Story wird zugunsten eines eindimensionalen Liebesmärchens mit ermüdend langen Actionsequenzen geopfert. Beinahe soapig-schmierig wird eine empathielose Liebesgeschichte aufgetischt, die in jedem Collegefilm komplexer daherkäme. Und nicht einmal das zunächst recht unterhaltsame Herumgeschieße kann das Abdriften in Lächerlichkeiten mit Fremdschämfaktor kaschieren.

 

Was den Wachowskis in „Matrix“ mit der Bullet-Time-Technik noch innovativ gelang, gerät hier zum Banalaction-Zitat, das zwanghaft auf der Welle der aktuellen Superheldenfilme mitreiten will. Sicher: Alles explodiert und ballert und saust recht hübsch durch die Lüfte. Doch während die legendären „Star Wars“-Schlachten immer vom Charme der Rebellion und von liebenswerten Charakteren getragen wurden, wirkt das 3D-Spektakel in „Jupiter Ascending“ blutleer. Selbst Stars wie Sean Bean oder Eddie Redmayne können den aufgesetzten Figuren keine Tiefe verleihen.

Ex-Söldner Caine (Channing Tatum, links) wird von Stinger (Sean Bean) instruiert, wie die Menschheit gerettet werden kann.

 

Dabei funktioniert der Film auch als anspielungsreiche Genresatire nur eingeschränkt. Leider haben es die Wachowskis versäumt, sich zwischen ernstzunehmendem Sci-Fi-Fantasyspektakel und abgefahrenem Zitate-Feuerwerk mit einem Haufen Ironie zu entscheiden. So ist „Jupiter Ascending“ letztlich nichts als eine unfreiwillig komische „Star Wars“-Kopie inklusive „Matrix“- und Superhelden-Zitaten. Und Dinosauriern.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © 2014 Warner Bros. Entertainment Inc.
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Die Wachowski-Geschwister präsentieren mit "Jupiter Ascending" ihr neues Sci-Fi-Epos.
 
 
 
Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Jupiter Ascending
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 127 Min.