Wie mit Blut geschrieben

Vielleicht kommt „Kill Your Darlings – Junge Wilde“ einfach gut 20 Jahre zu spät. Zumindest wohl für das große Publikum, trotz „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe in der Hauptrolle. Über die Jugend geht das Vorurteil um, dass sie nur noch über Touchscreens streiche und sich wundere, wie die Eltern ohne Computer und Internet auskamen. Wie soll da Faszination für überkandidelte Bücherwürmer aufkommen, mögen sie sogar Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs heißen und schrecklich große Autoren der Beatnik-Ära sein? Ganz aufregend, gleichsam mit Blut, und doch wohl wahrheitsgetreu wollen Regisseur John Krokidas und sein Co-Autor Austin Bunn deren Geschichte schreiben – und verkorksen sie.

Daniel Radcliffe spielt den jungen Allen Ginsberg.

 

Dabei ist der Einstieg von ebenso fesselnder Zweideutigkeit wie kühner Wucht. Halb im Wasser stehend, halb schwimmend, hält Nachwuchs-Poet Lucien Carr (Dane DeHaan) seinen keineswegs nur platonischen Freund, den einstigen New Yorker Bohème-Star David Kammerer (Michael C. Hall), im Arm. Rettet er ihn oder tut er ihm etwas an? Aus dem Off sprudelt ein poetischer Wortschwall mit einer Deutung des Geschehens. Das entsprechende Manuskript wird Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe) einem blassen Lucien Carr zeigen, der heftig protestiert. Ein Rasseln, vor Carr schließt sich das Zellengitter eines Gefängnisses, Ginsberg wendet sich verzagt ab, seinen Text in der Hand, das Bild friert ein … Puh!

Zusammen mit Jack Kerouac (Jack Huston, links) planen Allen (Daniel Radcliffe) und Lucien (Dane DeHaan, rechts) einen Einbruch in die Universitätsbibliothek.

 

Also doch im richtigen Film gelandet? Wie übertölpelt von der eigenen Rasanz, nimmt „Kill Your Darlings – Junge Wilde“ rasch den Fuß vom Gas und legt den Rückwärtsgang ein. Man findet sich ein paar Jahre zuvor bei den Ginsbergs ein, eine Familie aus dichtendem Vater (David Cross), irrer Mutter (Jennifer Jason Leigh) und hochbegabtem Sohn Allen, der natürlich ein Stipendium von der Columbia University erhält. Damit beginnt auch für den Zuschauer eine dürre Zeit des Literaturstudiums, obwohl auf der Leinwand auch unter Drogen viel herumgezappelt wird. Ginsberg trifft Carr und Kammerer, William S. Burroughs (Ben Foster) und Jack Kerouac (Jack Huston), der mit „On The Road“ berühmt werden sollte. Es wird rezitiert und masturbiert, textcollagiert und homoerotisch herumexperimentiert. Lust und Literatur hängen zusammen – aber wie?

Zusammen mit Jack Kerouac (Jack Huston, links) planen Allen (Daniel Radcliffe) und Lucien (Dane DeHaan, rechts) einen Einbruch in die Universitätsbibliothek.

 

Für eine Antwort darauf gebricht es an jener sinnlichen Bibliophilie, die Sogwirkung hätte erzeugen können. Was Verführung zum leidenschaftlichen Dichterwort und seiner rebellischen Potenz sein soll, kommt nie über das Stadium der Vorlesung hinaus. Mag auch Radcliffe hinter großer Brille enthusiastisch die Augen aufreißen und DeHaan wie ein Rockstar gewagte Verse in frivole Performance verwandeln. Einzig Ben Foster, der als Burroughs elektrisiert, scheint zu wissen, dass Dichter als stille, dumpf brütende Geister am besten wirken.

William S. Burroughs (Ben Foster) ist vielleicht der unheimlichste in der Poeten-Runde - aber auch der gefährlichste?

 

Wenn Kammerer beginnt, Carr zu stalken, ein Mord sich anbahnt und Ginsberg sich unversehens als Schlüsselfigur einer Verkettung tragischer Ereignisse wiedererkennt, rundet sich „Kill Your Darlings – Junge Wilde“ wenigstens. Inzwischen hätte man jedoch gern etwas anderes gesehen, eine Art Detektivgeschichte aus der Sicht eines jungen Menschen von heute vielleicht, der ein altes blutiges Geheimnis der Literaturgeschichte zu lüften versucht …

 

Text: Andreas Günther / Fotos: Koch Media
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Kill Your Darlings
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Koch Media (Neue Visionen)
Laufzeit: 103 Min.