Ein Quantum Humor

Das Problem ist natürlich allen bewusst. Sein Name ist Bond. James Bond. Jeder Film, in dem britische Spione auch nur entfernt eine Rolle spielen, muss sich – ob genehm oder nicht – an der populären und wirkungsmächtigen Agenten-Reihe messen lassen. Regisseur Matthew Vaughn („Kick-Ass“) geht das Problem offensiv an. In „Kingsman: The Secret Service“ lässt er den titelgebenden, britischen Gentleman-Geheimdienst um Harry Hart (Colin Firth) dem berühmtesten Agenten aller Zeiten unentwegt die Referenz erweisen. Von ihren cleveren Anspielungen, ihren guten Manieren und perfekt sitzenden Maßanzügen sollte man sich dennoch nicht täuschen lassen: Vaughns Verfilmung einer Comic-Vorlage ist keine lustige Parodie oder stilvolle Hommage, sondern unterhält als eigenständiges, knallbuntes und teilweise gar überraschend krawalliges Action-Spektakel.

Kingsman_1

 

Dabei präsentieren sich die Agenten zunächst als wahre britische Gentlemen: Hinter der Fassade eines Herrenausstatters in der weltberühmten Londoner Saville Row wachen sie als nicht-staatlicher Geheimdienst im Geheimen über die Sicherheit der Welt. Als bei der Rettungsaktion eines entführten Wissenschaftlers einer der Agenten getötet wird, erforscht Agent Harry Hart die Hintergründe und stößt schnell auf die verdächtigen Umtriebe des Milliardärs Valentine (Samuel L. Jackson). Bei einem ersten Showdown, einem gemeinsamen Abendessen in dessen luxuriöser Residenz, zeigt sich exemplarisch, wie Vaughn genussvoll mit Genre-Konventionen bricht: In einem verbalen Katz-und-Maus-Spiel spekulieren beide, wie ihre Begegnung wohl in einem alten Agentenstreifen verlaufen würde. Und Hart erklärt, dass er in den heutigen Filmen den Humor vermisse – ein gelungener Seitenhieb auf den eher düsteren Unterton der letzten James-Bond-Filme mit Daniel Craig in der Titelrolle.

 

Gute, alte Agenten-Schule ist „Kingsman: The Secret Service“ dennoch nicht. Denn während Valentines bedrohliche und perfide Pläne in immer wieder eingeschobenen Einzelszenen langsam, aber sicher enthüllt werden, konzentriert sich Vaughn auf die Geschichte von Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton). Er ist der Sohn eines „Kingsman“, dessen Tod Hart bei einem Einsatz in den 90er-Jahren verschuldete. Nach seinem Wunsch soll Gary, ein hochintelligenter Junge, der durch sein schwieriges soziales Umfeld zum jugendlichen Herumtreiber wurde, ebenfalls dem Geheimdienst beitreten. Über weite Strecken des Films begleitet der Zuschauer ihn und seine Konkurrenten um den einzigen verfügbaren Platz am Tisch der „Kingsman“ beim Agententraining. Und im Verlauf des knallharten Auswahlprozesses wird sich herausstellen, dass die harte Schule der Straße Eggsy mehr nützt als jede Eliteinternats-Ausbilung.

Bevor Gary seine Ausbildung zum "Kingsman" beginnen kann, muss Agent Harry (Colin Firth, Mitte) ihn erst noch vor einer Schlägerei in einem Pub bewahren.

 

Denn bei der Schilderung seiner Wandlung vom nicht zu bändigenden Problemjugendlichen zum manierierten Geheimagenten kommt Vaughn nicht völlig ohne Teenie-Drama-Klischees aus. Aber der Regisseur versucht wohl eben, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Unterhalten fühlen dürfen sich – trotz einiger Längen – trotzdem alle: Eingefleischte Bond-Fans haben ihre Freude an einem altmodischen, irren Superschurken mit Sprachfehler und hanebüchenem Weltverbesserungsplan. An seiner exotisch anmutender Assistentin, die mit ihren stählernen Beinprothesen ihre Gegner zerteilt. An unsinnigen Gadgets und unterhaltsamen Insider-Gags. Und jüngere Zuschauer, die James Bond nicht mit Sean Connery oder Roger Moore gleichsetzen, dürfen bei Eggsys Jeder-kann-es-schaffen-Story mitfiebern und sich von virtuos choreografierten, modern inszenierten und mit reichlich Knalleffekten versehenen Kampfszenen begeistern lassen.

 

Eines ist jedoch keine Generationenfrage: An einigen Stellen bewegt sich „Kingsman: The Secret Service“ hart an der Grenze zur unmotivierten Gewaltorgie. Das mag der Comic-Vorlage geschuldet sein, ist aber trotzdem ein wenig schade. Denn ansonsten stellen die ewigen Bond-Vergleiche für „Kingsman: The Secret Service“ kein Problem dar.

 

Text: Stefan Weber / Fotos: © 2015 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Kingsman_lt

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Kingsman: The Secret Service
Genre: Action
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 129 Min.