Abenteuerliche Flucht aus dem Ghetto

Wind, Schneesturm, Kälte. Ein Junge kämpft sich durch diese Unwirtlichkeit, bricht immer wieder ein in sumpfiges Eis. Er ist nahe am Abgrund und scheint sehr bald vor Erschöpfung zu sterben. Doch da ist die Stimme des Vaters, die ihn in der Erinnerung anfleht: „Du musst überleben!“. So beginnt Pepe Danquarts Verfilmung des Jugend-Bestsellers „Lauf Junge lauf“ von Uri Orlev, der darin die Lebensgeschichte des heute 81-jährigen Holocaust-Überlebenden Yoram Fridman erzählte. Es ist eine beinahe unglaubliche Geschichte, die von der dreijährigen Flucht eines neunjährigen jüdischen Jungen aus dem Warschauer Ghetto berichtet, der sich in die Wälder rund um Warschau schlug und immer wieder den deutschen Häschern entkam. Harte Momente, aus der Sicht eines Kindes erzählt, und doch voller Grausamkeit und Verzweiflung.

Von anderen jüdischen Kindern, die vor den Deutschen geflüchtet sind, lernt Srulik, der sich nun Jurek (Andrzej und Kamil Tkacz) nennt, im Untergrund zu überleben.

 

Immer wieder gelingt es Danquart und seinem Drehbuchautor Heinrich Hadding („Die Päpstin“, „Das Wunder von Bern“) die Spannung hoch zu halten. Immer aufs Neue beginnt die schreckliche Flucht, immer wieder stellen sich gefährliche Hindernisse in den Weg. Zudem wird die Handlung nicht einfach linear erzählt, sondern in zusätzlichen Rückblenden: In letzter Minute war es dem kleinen Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) gelungen, auf dem Leiterwagen eines Bauern das Ghetto zu verlassen und den prüfenden Bajonettstichen der Wachhabenden zu entgehen. „Du musst es schaffen!“, hatte ihm der Vater beim Abschied gesagt, „du musst überleben, gib niemals auf. Du musst deinen Namen vergessen. Aber du darfst niemals in deinem Leben vergessen, dass du ein Jude bist!“

Wenn er mit anderen Jungen im Freien pinkelt, muss Srulik immer befürchten, dass man seine Beschneidung entdeckt.

 

Im Wald trifft Srulik auf andere jüdische Jungen, die gleichfalls vor den Deutschen geflüchtet sind. Er lernt von ihnen zu überleben, auch zu rauben und zu stehlen. Aber auch, sich vor polnischen Bauern in Acht zu nehmen, viele von ihnen liefern jüdische Flüchtlinge gegen ein Kopfgeld an die Deutschen aus. Immerhin: In den Wäldern, da sind auch die polnischen Partisanen – die geben ihnen Sicherheit, weil sich die Deutschen vor ihnen fürchten, so sagen sie.

Srulik (Andrzej oder Kamil Tkacz) überlebt trotz aller Widrigkeiten in den Wäldern. "Du musst überleben", hatte der Vater zu ihm gesagt.

 

All das ist abenteuerlich. Doch noch abenteuerlicher ist, was eine hilfsbereite Bäuerin (Elisabeth Duda) den Jungen lehrt: sich in Jurek umzubenennen, fortan seine Herkunft zu verleugnen, katholische Gebete und Formeln wie „Gelobt sei Jesus Christus“ zu sprechen und sich damit auf seinem weiteren Fluchtweg unverdächtig zu machen. Srulik hilft das nicht immer: Vor mancher Türe wird er abgewiesen, er wird verraten und ins Verlies gesteckt, entkommt einem SS-Mann und wird zuletzt bei der Arbeit auf einem Gutshof schwer verletzt. Weil sich ein Naziarzt zunächst weigerte, ihn zu versorgen, muss ihm der Arm amputiert werden.

Auf einem Gutshof wird Srulik (Andrzej oder Kamil Tkacz) an einer Getreidemühle der Arm eingequetscht. Die Geliebte eines SS-Manns (Jeanette Hain) versucht ihn zu retten.

 

Das alles erzählt Danquart in dieser Sechs-Millionen-Euro-Produktion in aufregenden, spannenden Hollywoodbildern, bei denen die aufwendige Kamera (Daniel Gottschalk, „Krabat“) und der klassische Score (der Tscheche Stéphane Moucha) den unvergleichlichen Zwillings-Darstellern des kleinen Jungen beste Hilfe leisten. Srulik, der sich Jurek nennt, um unerkannt zu bleiben, hat immer Angst und Trauer, aber auch viel Zuversicht in den Augen. Sein Ziel ist es zu überleben, und er wird das schaffen. Wenn auch beinahe um den Preis des Verlustes der eigenen Identität.

Kurz vor dem Ende des Krieges findet Srulik doch noch das Glück. Polnische Bauern nehmen ihn auf, und er ist richtig verliebt.

 

Am Ende wird sich Srulik für den Gang in ein jüdisches Waisenhaus in Warschau entscheiden. Jüdisches Leben soll weitergehen, auch mit ihm. Besser wäre aber wohl gewesen, den Film mit einem Besuch beim heute in Tel Aviv lebenden Vorbild Yoram Fridman abzuschließen. Tatsächlich einarmig steht er im Abspann da – mit seinen Enkeln.

 

Text: Wilfried Geldner / Fotos: © Hagen Keller / NFP
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: NFP
Laufzeit: 108 Min.