Identität wechsle dich

Zum Drehen an interessanten Plätzen ins Ausland gehen – was bei Woody Allen ein selbstgewähltes Vergnügen darstellt, kommt bei Abbas Kiarostami mit einem bitteren Beigeschmack daher. Der 73-jährige iranische Regisseur umgeht damit die strenge Zensur in seinem Heimatland. Nachdem er in der Toskana mit Juliette Binoche in „Die Liebesfälscher“ die Dekonstruktion einer möglichen Beziehung betrieb, zeigt er nun mit „Like Someone in Love“ ein mysteriöses Spiel um fließende Identitäten. Gedreht wurde mit japanischen Schauspielern in Tokio – weit weg von muslimischen oder westlichen Einflüssen.

Die Studentin Akiko (Rin Takanashi) fürchtet sich vor ihrem gewalttätigen Verlobten.

 

„Like Someone in Love“ gibt vor, die Geschichte eines alten Professors zu erzählen, der mit einem jungen Callgirl in seinem gediegenen Zuhause in Tokio zusammenkommt. Doch schon mit dieser Zusammenfassung des Inhalts begibt man sich bei Kiarostami in den Bereich der Interpretation. Gewiss ist nur, dass zwei ungleiche Menschen eine Nacht miteinander verbringen und eine dritte Person, ein aufbrausender junger Mann, sich hintergangen fühlt.

Wer ist dieser ältere Herr, der Akiko (Rin Takanashi) empfängt, wirklich?

 

Eine lässige Bar in Tokio, Leute, die sich amüsieren und trinken. Dazu eine Stimme am Telefon, die versichert zu Hause beim Lernen zu sein. Der Schwenk der Kamera auf eine zarte junge Frau mit Namen Akiko (Rin Takanashi) straft sie Lügen. Trotzdem versichert sie ihrem aufgebrachten Verlobten am Telefon immer wieder, die Wahrheit zu sagen. Eine Eingangsszene, die den Geist des ganzen Films darlegt und darauf vorbereitet, dass Gehörtes, Gesehenes und die Realität hier nicht immer zusammenpassen.

Akiko (Rin Takanashi) verbringt in ihrem Job als Callgirl eine Nacht in Takashis (Tadashi Okkuno) Wohnung.

 

Eine lange und stilvoll gefilmte Taxifahrt später, die Akiko zu Takashis (Tadashi Okuno) Haus bringt, läutet das seltsame Treffen ein. Die beiden Protagonisten haben unterschiedliche Vorstellungen, wie die Nacht verlaufen soll. Während sie schnell ihren Körper verkaufen will, hat der einsame Mann einen gemeinsamen Abend mit Gesprächen und Wein im Sinn. Daraus ergeben sich Szenen mit Situationskomik, lange Dialoge, aber auch Momente des Schweigens. Ein unerwarteter Anruf bringt den Freier immer mehr in die Rolle eines guten Freundes. Was genau in dieser Nacht passiert, bleibt im Dunkeln. Als Takashi die Studentin, die sich auf diese Weise Geld für die Uni verdient, am nächsten Morgen zurückfährt, treffen sie auf ihren Freund Noriaki (Ryo Kase), der ihn für ihren Großvater hält. Akiko und Takashi spielen die ihnen angebotenen Rollen so perfekt mit, dass die Verwirrung des Zuschauers sich mehrt.

Akiko (Rin Takanashi) belügt ihren Freund und versetzt ihre Großmutter.

 

Das Unterwegssein zu sich selbst, ohne dabei anzukommen, thematisiert Kiarostami in seinen Filmen mit Autofahrten. Zum einen gibt es die Nachtfahrt durch die neonblinkende City, die zu einer der stärksten und traurigsten Szenen des Films führt: Akiko lässt auf der Fahrt zu ihrem Kunden das Taxi am Bahnhof kreisen und beobachtet ihre verloren herumstehende Großmutter. Diese wartet hier auf das Mädchen und hat ihr zuvor schon besorgt viele Nachrichten geschickt. Die zweite Fahrt zurück in die Stadt ist weit weniger düster, auch wenn das Rollenspiel um die plötzliche neue Familie etwas Befremdliches hat.

Like someone in love

 

Die ruhige und kontemplative Art des Regisseurs zu erzählen und zu filmen stellt immer auch eine Geduldsprobe dar. Ebenso wie der Jazz im Hintergrund beschleicht einen das Gefühl, in etwas Improvisiertes hineingeraten zu sein. Etwas, das zwar vorangetrieben wird, ohne aber sein Ziel zu kennen oder kennen zu wollen. Für den Zuschauer heißt das, Leerstellen selbst füllen zu müssen, was einerseits ein Vergnügen sein kann – oder aber lästig. Vor allem wenn die Klänge und Bilder des Regisseurs keine inspirierende Wirkung haben.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Peripherfilm
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Like Someone in Love
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Peripher
Laufzeit: 109 Min.