Bis zum letzten Mann

Ein ehemaliger Elitesoldat, der zu einer Art Superstar avanciert – hierzulande völlig undenkbar. Doch in den USA werden Kriegshelden noch gefeiert: Männer wie der einstige Navy-Seal Marcus Luttrell, der über seine Homepage T-Shirts und Baseballkappen mit der Aufschrift „Never Quit“ verkauft und als Redner oder Talk-Gast gut gebucht ist. „Gib niemals auf“! – Man mag aus deutscher Perspektive den Kopf über solcherlei Pathos schütteln, doch für den Texaner, der sich inzwischen als Autor verdingt, bedeuten diese Worte alles. In seinem Erfahrungsbericht „Lone Survivor“, der 2007 in den USA ein Bestseller war, schildert Luttrell, wie er 2005 als Einziger ein grandios gescheitertes Kommandounternehmen in Afghanistan überlebte. Jetzt kommt Luttrells Kriegsstory ins Kino, der hochdekorierte Soldat wird von einem muskelgestählten Mark Wahlberg in seiner wohl anspruchsvollsten Actionrolle verkörpert.

Weiter, immer weiter - und wenn die Kugeln und Granaten noch so mannigfaltig durch die Luft schwirren.

 

Von den ersten Sequenzen im Trainingscamp bis zum Finale in der Intensivstation des Lazaretts gibt es hier nur eine einzige Perspektive auf den Afghanistan-Krieg: die amerikanische. „Lone Survivor“ ist pures Genre-Kino, das in erster Linie nach handwerklichen Gesichtspunkten beurteilt werden sollte. Regisseur Peter Berg („Hancock“, „Battleship“) hat ein knüppelhartes, kompromisslos militaristisches Stunt-Stakkato inszeniert, das den Zuschauer auf eine ähnlich nervenaufreibende Weise in die Nähe des Kriegsgeschehens katapultiert wie seinerzeit die ersten 20 Horror-Minuten von Spielbergs „Der Soldat James Ryan“: Es ist Krieg, und dank der ultra-dynamischen Dogma-Kameras wähnt man sich als Zuschauer mittendrin statt nur dabei, wenn Luttrell und seine drei Kumpanen (gespielt von Taylor Kitsch, Ben Foster und Emile Hirsch) unvermittelt einer Taliban-Armee gegenüberstehen und ihnen die Kugeln und Granaten nur so um die Ohren fliegen.

 

Afghanistan im Juni 2005: Unter Luttrells Führung werden die vier schwer bewaffneten Seals, hochprofessionell und für solche Unternehmen ausgebildet, in die Berge der Provinz Kunar geflogen, um einen hochrangigen Talibanführer auszukundschaften und wenn möglich auszuschalten. Doch bei der „Operation Red Wings“ geht einiges schief: Wegen Sicht- und Funkproblemen müssen die Soldaten ihren Standort wechseln, und als sie sich plötzlich afghanischen Ziegenhirten gegenübersehen, treffen sie eine schwerwiegende Gewissensentscheidung. Sie lassen die Zivilisten laufen – doch einer von ihnen rennt direkt zur Taliban-Truppe, um den Kontakt mit den Amerikanern zu melden. Die Menschenjagd ist eröffnet …

Und plötzlich sind da Ziegenhirten: Das Navy Seals-Einsatz Team für die "Operation Red Wings" ist ratlos. Von links: Michael Murphy (Taylor Kitsch), Marcus Luttrell (Mark Wahlberg), Matt Axelson (Ben Foster), Danny Dietz (Emile Hirsch).

 

Der Fokus bleibt in der folgenden, unmenschlich brutal und aussichtslos scheinenden Schlacht bei den Navy-Seals. Die Elitesoldaten werden gehetzt, gestellt, beschossen, getroffen. Sie bluten aus ungezählten Wunden und kämpfen weiter und weiter und weiter … Irgendwann mag man gar nicht mehr hinschauen, so anstrengend wurde der Krieg hier in Szene gesetzt. Diese vier sind eben keine willenlosen Kampfmaschinen, sondern perfekt trainierte Krieger mit menschlicher Seele, die in dieser Stunde der Wahrheit nicht mehr für ihr Land oder irgendeinen ominösen Ehrbegriff durchhalten, sondern nur noch deshalb, weil sie weiterleben wollen. Der ganze Militarismus und Armee-Sprech, das auch in diesem Film äußerst nervige Gerede von den Kodizes der Seals und Marines – in diesen Augenblicken, auf diesem Gebirgszug, in diesem Kampf, ist alles plötzlich ganz weit weg.

 

Am Ende ist es wie so oft bei solchen Streifen: Man wird sich fragen, ob das wirklich ein Antikriegsfilm ist oder nicht doch eher ein Film, der den Krieg auch ein Stück weit verherrlicht. Die einen werden „Lone Survivor“ schlicht als militaristischen, über Gebühr brutalen und pathetischen Mist abtun, die anderen die schonungslose Härte und Peter Bergs unbedingten Willen zur Authentizität würdigen. Fakt ist: Einen politischen oder moralischen Diskurs gibt es nicht ansatzweise, aber man hat nach den 120 adrenalin- und actiongeladenen Minuten dennoch das Gefühl, dass man der Realität hinter den Schlagwörtern aus den TV-Nachrichten wie „Operation Enduring Freedom“ oder „Afghanistaneinsatz“ sehr nahe gekommen ist. Denn im Ernstfall geht es wohl nicht mehr um die großen Fragen, sondern allein um die Kameradschaft und das nackte Überleben. Was bedeutet Krieg? Was treibt den Soldaten im Einsatz an? „Lone Survivor“ lotet diese Fragen in seltener Deutlichkeit aus. Jetzt hat auch die Generation Afghanistan ihr „Platoon“.

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © SquareOne / Universum
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Lone Survivor
Genre: Kriegsfilm
Freigabealter: 16
Verleih: SquareOne / Universum
Laufzeit: 122 Min.