Genie am Boden

 

Das brillante Biopic „Love & Mercy“ erzählt die aufreibende Lebensgeschichte des Beach-Boys-Kreativkopfes Brian Wilson.

 

Nie mussten Musikfans auf ein Meisterwerk von Platte länger warten: Als Brian Wilson im Jahr 2003 ankündigte, das legendäre Album „Smile“ endlich veröffentlichen zu wollen, waren seit dessen Erstkonzipierung geschlagene 37 Jahre ins Land gegangen. 1966 hatte der kreative Kopf der Pop-Überflieger Beach Boys mit der Arbeit an dem Album begonnen – fertiggestellt wurde es damals indes nicht. Warum das psychedelische Werk scheitern musste, warum das Genie Wilson den Drogen verfiel und mit dem Charterfolg seiner Band nur schwer umgehen konnte; wie er unter seinem Vater litt und was es heißt, unverstanden zu sein – all das erörtert das außergewöhnliche Biopic-Drama „Love & Mercy“. Dabei bereitet die eindrückliche, wunderbar inszenierte Lebensgeschichte Brian Wilsons keineswegs nur Musikliebhabern Freude.

Das brillante Biopic „Love & Mercy“ erzählt die aufreibende Lebensgeschichte des Beach-Boys-Kreativkopfes Brian Wilson.

 

Sie prägten den Surf-Sound des 60er-Jahre-Amerikas wie keine andere Band. Mit einem Hit nach dem anderen definierten die Beach Boys das lockere Lebensgefühl einer ganzen Ära. Doch hinter den harmonischen Melodien und leichtfüßigen Chorälen steckte ein zerbrechliches Genie: Brian Wilson machte keine Musik, er dachte sie. Doch ein angenehmes Leben, so wie es seine frühen Songs vermittelten, war ihm nicht vergönnt. Das Biopic „Love & Mercy“ nähert sich in zwei Zeiträumen, die 25 Jahre auseinanderliegen, einem sensiblen Künstler, der am Druck von außen und innen beinahe zerbrach.

Das brillante Biopic „Love & Mercy“ erzählt die aufreibende Lebensgeschichte des Beach-Boys-Kreativkopfes Brian Wilson.

 

Es ist vor allem die Geschichte einer zögerlichen wie bemerkenswerten kreativen Wandlung: Die ersten Jahre des Beach-Boys-Erfolges finden im Film erfreulicherweise nur als Rückblick, als Idealbild statt. Vielmehr treibt Regisseur Bill Pohlad das Anliegen, Wilson als ungezähmtes Musikgenie zu zeigen, das sich von der Banalität des Massenerfolgs durch Mitsing-Hits wenig beeindruckt zeigt. Vielmehr möchte der junge Wilson, herausragend verkörpert von Paul Dano, Neues kreieren, Welten schaffen, Grenzen überwinden. Allein: Gegen ihn stellt sich nicht nur sein autoritärer und geldgeiler Vater (Bill Camp), sondern bald auch seine Band, die mit dem kreativen Output ihres Leaders nicht viel anfangen kann. „Pet Sounds“, später ein Welterfolg, soll nach Brians Vorstellung ein komplexes Konzeptalbum werden – angesichts des kommerziellen Drucks ein Wagnis, das die anderen nicht einzugehen bereit sind. Nur eine Sache scheint Wilson in jener Zeit das Verständnis entgegen zu bringen, das er braucht: Drogen.

Das brillante Biopic „Love & Mercy“ erzählt die aufreibende Lebensgeschichte des Beach-Boys-Kreativkopfes Brian Wilson.

 

Dass diese auch gegen jede Kreativität arbeiten können, zeigt Pohlad ebenfalls. Er belässt es nicht dabei, die Unverstandenheit eines jungen Genies abzubilden. Im zwischengeschnittenen zweiten Teil des Biopics sieht man einen umwerfenden John Cusack als gealterten Brian Wilson Anfang der 90er-Jahre – der einstige Meistermusiker kriecht wortwörtlich am Boden, quält sich mit Depressionen und Psychosen als körperliches und seelisches Drogenwrack durch eine ihm fremde Welt. In jeder Hinsicht gescheitert, ist er gar vollständig entmündigt und hat die Entscheidungsgewalt über sein Leben mehr oder minder freiwillig dem dubiosen Arzt Eugene Landy (Paul Giametti) überlassen. Dieser pumpt Wilson mit unnötigen Tabletten voll und schafft so erst jenen unselbstständigen, sedierten Zombie, der nichts mehr vom früheren Künstler in sich trägt – wohl aber noch jede Menge Geld und Plattenrechte zu vererben hat. Glücklicherweise lernt Wilson just zu jenem Zeitpunkt die Autoverkäuferin Melinda (Elisabeth Banks) kennen und lieben, die seine Misere und in Landry einen veritablen Betrüger erkennt.

 

Am meisten überwältigt in „Love & Mercy“ der Umstand, dass Brian Wilson dieses Leben tatsächlich gelebt hat. Dieses erst glänzende, dann zutiefst abgestumpfte Leben, immer begleitet von Nutznießern und falschen Vaterfiguren, die vom kreativen Glanz des Genies profitieren wollten – und ihn dabei immer größerer Teile seines Selbst beraubten. Dass es „Love & Mercy“ eindrücklich gelingt, diese traurige Kontinuität in der Biographie Wilsons voller Empathie auf den Punkt zu treffen, ist einem herausragenden Cast ebenso geschuldet wie dem feinfühligen Drehbuch und der künstlerisch-intelligenten Inszenierung.

 

 

Text: Maximilian Haase / Fotos:© Studiocanal / Francois Duhamel
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Das brillante Biopic „Love & Mercy“ erzählt die aufreibende Lebensgeschichte des Beach-Boys-Kreativkopfes Brian Wilson.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Love & Mercy
Genre: Drama
Freigabealter: ab 6 Jahren
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 122 Min.