Plötzlich Brüder

Filme über Muttersöhnchen gibt es genug. Die Schweizer Regisseurin und Autorin Bettina Oberli bringt die Ordnung in einer symbiotischen Beziehung gewaltig durcheinander und lässt in ihrem charmant-dramatischen Film „Lovely Louise“ das Ringen um genug Abstand und Anerkennung fast liebenswert, über weite Strecken aber zumindest sympathisch wirken. Dabei brodelt es unter dieser Oberfläche, und die Sache ist ernster, als die altmodischen Teppich- und Tapetenmuster erahnen lassen.

Immer adrett die Louise (Annemarie Düringer), aber so ganz wohl fühlt sie sich nicht in ihrer Haut, als ein neuer Sohn auftaucht.

 

Es sind schrullig schöne Bilder, die Oberli gerade zu Anfang nutzt, um die Situation zu verharmlosen. Konfiszierte Bälle von den Nachbarskindern, die Hausschuhe, alles hat seinen Platz in der kleinen Wohnung von André (Stefan Kurt) und seiner Mutter Louise (Annemarie Düringer). Der Bub könnte selbst bereits Opa sein.

Plötzlich Brüder: André (Stefan Kurt, rechts) muss sein Modellflugzeug mit dem Bruder Bill (Stanley Townsend) teilen.

 

Anfangs erwartet man, dass vielleicht gleich Kurt Krömer auftaucht, mit dem einem Hemd im Tapetenmuster. Doch ein anderer Kurt spielt den Taxifahrer: Stefan Kurt. Sein André kommt nirgends an, obwohl er Taxifahrer ist. Am Abend kehrt er in seine Garage zurück, um seine Modellflugzeuge zu reparieren.

Es riecht nach Rambo: Als André (Stefan Kurt, rechts) seinem Bruder Bill (Stanley Townsend) und ihrer gemeinsamen Mutter Louise nach Spanien nachfährt, kommt einiges ins Rollen.

 

Plötzlich platzt der Amerikaner Bill (Stanley Townsend, in Wahrheit übrigens ein Ire) in die Zürcher Vorstadt. Er habe von seinem sterbenden Vater erfahren, dass er doch eine Mutter hat. Sie wollte einst in Hollywood ein Star werden, kehrte dann aber doch zurück in die deutsche Heimat, wo ihr vierjähriger Sohn bei ihren Eltern lebte. Bill will nicht mehr, als seine Familie kennenlernen, den Bruder, den er nie hatte und die Mutter, die er tot wähnte. Der beleibte Amerikaner unterhält in der Folge die Damen der Pokerrunde, und natürlich will sich auch Louise von ihrer besten Seite zeigen.

Steffi (Nina Proll) mag André (Stefan Kurt), ist aber doch geschockt, dass der bei seiner Mutter wohnt. Wie soll da eine Beziehung möglich sein zu einer anderen Frau?

 

Louise ist ausgestattet mit der Würde einer Filmdiva, Annemarie Düringer ist seit 1949 Mitglied des Wiener Burgtheaters und stand auch in „Die Herbstzeitlosen“ von Regisseurin Bettina Oberli vor der Kamera. Doch es ist Stefan Kurt, der mit seinem Understatement dem kleinen Film viel Tiefe gibt. Es ist, sieht man von einem Kampf in einem Swimmingpool ab, an dem ein Plastikdelfin beteiligt ist, kein lauter Film. Oftmals sagt jemand „es tut mir leid“ – doch das löst keine Probleme, nicht einmal Spannungen. Oberli, die nach ihrem dunklen Drama „Tannöd“ einen etwas leichteren Stoff brauchte, wollte vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit und der Sehnsucht nach Ausbruch erzählen. Dies gelingt ihr. Und einem ihrer Protagonisten schenkt sie Kraft.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Camino / Hugofilm / Philippe Antonello
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Camino
Laufzeit: 95 Min.