Nix zum Wohlfühlen!

Ein paar Lügen und einige Wahrheiten, ein bisschen Florian David Fitz als Yogalehrer und Meret Becker als Zahnärztin mit schrägen Freunden. Was soll da schiefgehen? „Lügen und andere Wahrheiten“ wird ein Wohlfühlfilm, ganz klar. Ja, wenn man dann aber das Kleingedruckte liest, wäre man zumindest gewarnt. Dann nämlich stellt man fest, dass Vanessa Jopp die Regisseurin ist und die hat es nicht so mit Wohlfühlen. Die mag es ein wenig präziser als an der Oberfläche entlang.

Der Traum vieler Frauen: Florian David Fitz als Yogalehrer. Und gelenkig ist der ...

 

Genau genommen ist ihr Blick so bohrend, dass dieser Film sein Publikum wohl entweder sehr beeindruckt oder – ins Leere läuft. Der genaue Blick zeigt sich schon anhand einer nicht sonderlich wichtigen, aber bemerkenswerten Kleinigkeit: Die beiden Freundinnen Coco (Meret Becker) und Patti (Jeanette Hain) laufen die Straße entlang, zum Abschied wirft Patti genervt einen Apfelrest nach Coco. Eine Passantin – die nicht mal scharf gestellt ist – dreht sich erschrocken um. Es ist nicht besonders üblich, Essensreste nach der Freundin zu schmeißen, auch wenn es „nur Spaß“ ist. Auch ist es im deutschen Film nicht wirklich üblich, mit solchen Details zu arbeiten und das Mädchen, das den schlecht gezielten Wurf bemerkt, agieren zu lassen. Doch Vanessa Jopps Film will im Leben stehen, will wirklich passieren und die Menschen darin benehmen sich, so wie sie es für richtig halten.

 

Schnell merkt man, hier ist etwas anders. Nicht inhaltlich, aber in der Ausführung, vor allem in den Dialogen und Reaktionen der Akteure. Und das ist wunderbar. Noch nie hat Thomas Heinze, immerhin seit fast 30 Jahren im Filmgeschäft, so gespielt wie hier den Immobilienmakler Carlos. Der steht kurz vor der Hochzeit mit seiner Verlobten Coco, der Zahnärztin aus der ersten Szene. Coco will immer alles ganz genau wissen, Carlos hingegen schweigt sich gerne aus. Nur, so kurz vor der Hochzeit würde es helfen, wenn man sich nicht immer wieder überlegen müsste, ob man seinem Freund vertrauen kann.

Coco (Meret Becker) will Carlos (Thomas Heinze) heiraten, obwohl er Yoga komisch findet. Aber das ist nicht ihr einziges Problem.

 

Dazu hat Coco noch andere Sorgen, ihre Assistentin Vera (Alina Levshin) entpuppt sich als unzuverlässiges Biest, sie muss sie entlassen – und leider ihre Mutter (Elisabeth Trissenaar) um Unterstützung bitten, die einen kleinen Hinweis darauf bietet, warum Coco diesen gewissen Hang zur totalen Kontrolle hat. Und somit genau das Gegenteil ist von Künstlerfreundin Patti, die ihren Gefühlen jederzeit freien Lauf lässt. Sie ist in einer ungewöhnlichen Beziehung mit ihrem Yogalehrer Andi (Florian David Fitz) und das behält sie mal vorsichtshalber für sich. Doch Coco hasst Lügen, Halbwahrheiten und ungewollte Stille. Wozu ist man befreundet, wenn doch nur jeder macht, was er will?

 

Vanessa Jopp hat ihren Stil bereits mit „Engel und Joe“ und mit „Vergiss Amerika“ gefunden. Und wenn sie es sich vornimmt, der Lüge ein Kleid zu nähen, dann wird man zweimal hinschauen und vor allem genau hinhören müssen. Jeder lügt, Lügen ist völlig in Ordnung, doch der Film zeigt die Konsequenzen, wahlweise auch die Motive.

Bei der Kleidanprobe kommt es zum massiven Streit zwischen Coco (Meret Becker) und Patti (Jeanette Hain, rechts).

 

Würde zum Ende hin der Zufall nicht so arg strapaziert werden, wäre das alles perfekt. Doch zum Schluss müssen alle Seile um die Hälse. Da mag die Regisseurin ein wenig übereifrig sein, doch immerhin kommt sie ohne Rennszene am Hochzeitstag aus. Da hätte Meret Becker vermutlich auch nicht mitgemacht, die neben Jeanette Hain grandios ist. Beide sind gewohnt gut, die Männer wachsen sogar über sich hinaus und erreichen dadurch das Level der Damen, was perfekt zueinanderpasst. Was bleibt? Man möchte dieses Unwohlsein nach dem Film gerne abschütteln. Doch so leicht geht das nicht.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Wild Bunch Germany
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Wild Bunch
Laufzeit: 106 Min.