Mit den Augen der Pinguine

Eigentlich haben Pinguine im hohen Norden Russlands nichts verloren. Aber sie sind trotzdem da. Durch ihre starren Augen sehen sie in der Unendlichkeit der russischen Eiswüste einem „Mädchen im Eis“ zu, das kurz hinter dem Ende der Welt die Liebe sucht. Bevor Winja (Lucie Heinze) aber ihren Lover findet, muss sie mit einer Handvoll äußerst skurriler Typen klarkommen, die mit lakonischer Unausweichlichkeit die Welt verbessern oder zumindest ihr Leben auf die Reihe kriegen wollen. In ihrem schrulligen Hotelfilm analysieren Regisseur Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke („Sie haben Knut“, „Sommer ’04“) mit psychedelischer Lust neo-russische Befindlichkeiten. Dass die Pinguine auf ihrer bemerkenswerten Tour de Farce längst tot und schockgefrostet sind, ist nur eine von vielen aberwitzigen Nebensächlichkeiten.

Winja (Lucie Heinze) will im ewigen Eis ihre große Liebe wiederfinden.

 

Perverse, untreue Leichen- und Kinderschänder seien sie: Tierpfleger Yegor (Yuri Kolokolnikov) konfrontiert die Besucher eines Zoos bei der Pinguinfütterung mit unangenehmen Wahrheiten über die Vögel. Und weil er so schön in Fahrt ist, schildert er ihnen gleich mal seine Sicht der Dinge, die sich im ewigen Eis abgespielt haben. Auch wenn man durch diesen dramaturgischen Kniff nicht Teil der Story wird, sondern sie aus zweiter Hand erfährt – spannend und unterhaltsam ist es allemal, was Yegor zu erzählen hat. Eins ist gleich klar: Wirkliche Sympathieträger gibt’s in der Geschichte von Feuer und Eis kaum.

 

Am Anfang steht ein Mord, am Ende eine gewaltige Explosion: Alles hat in der vergnüglichen Ansammlung absurder Situationen einen Sinn. Der ehemalige Oligarch Wsewolod Starych (Aleksei Guskov) will im ewigen Eis mit dem verschrobenen Videokünstler Artur (Ievgen Bal) einen Propagandafilm drehen. Um die Welt aufzurütteln, ist ihm jedes Mittel recht. Nur tote Pinguine findet er nicht so toll.

Die weiße Unendlichkeit des russischen Winters spielt eine Hauptrolle in "Mädchen im Eis".

 

Das wiederum stellt Yegor vor Probleme: Die gefiederten Statisten sind ihm beim Transport verreckt. In die Männerrunde platzt ein verliebtes Mädchen aus Deutschland: Winja vermutet ihren Lover Andrei (Anton Pampushny) in der frostigen Vorhölle. Er taucht auch wirklich im ewigen Eis auf, hat aber nicht nur seine ehrgeizige Frau und ihre rigorose Biathlon-Trainerin im Schlepptau, sondern auch ein Baby.

 

Sie alle haben eine Agenda, wollen sich bereichern, die Welt verbessern, die Liebe finden, Olympiagold holen, sich künstlerisch verwirklichen. Es liegt hinter aller absurder Situationskomik und den grandiosen Bildern der frostigen Unendlichkeit Russlands eine bedrohliche Unausweichlichkeit über „Mädchen im Eis“. In einem geschickt inszenierten Verwirrspiel von absurder Situationskomik schmieden die Protagonisten listig Allianzen, genießen heiße Nächte, opfern sich und andere – bis die Ereignisse in einem großen Knall eskalieren.

Der alte Starych (Aleksei Guskov) will unbedingt die Welt verbessern - mit allen Mitteln.

 

In welchem Land außer Russland kann man eine Geschichte erzählen, die so kalt, hoffnungslos und schwermütig ist, die aber dennoch in aller Lakonie Trost spendet und zuversichtlich ist? Krohmer und Nocke werfen von außen einen Blick auf die russische Gesellschaft und ihre, sagen wir mal, Merkwürdigkeiten im Putin-Zeitalter. Dieses Land – so weit und leer, so bizarr und so anders – ist für Außenstehende schwer zu begreifen: Die Pinguine sind nicht die Einzigen, die sich verwundert die Augen reiben.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © X Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Kurz vor dem Polarkreis findet ein "Mädchen im Eis" nicht nur ihren Lover, sondern auch Gangster, Ex-Oligarchen und jede Menge tote Pinguine.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: X Verleih
Laufzeit: 92 Min.