Die Kunst der (Ent-)Täuschung

Woody Allen zu sein ist sicher nicht einfach. Nicht, weil sich der Altmeister der psychoanalytischen Tragikomödie sein Leben lang selbst durch analysewürdige Beziehungen manövrierte, sondern weil er von Jahr zu Jahr neuen Stoff braucht: Neue junge Frauen beispielsweise, die seine Filme ausstaffieren. Oder neue Kulissen in seinem Fantasieeuropa der neurotischen Oberschicht. Schien diese bisweilen fragwürdige, bisweilen geniale Altersphase mit der Rückkehr in die USA im wunderbaren „Blue Jasmine“ 2013 schon abgeschlossen, geht’s in „Magic In The Moonlight“ nun erneut in die alte Welt, genauer ins Südfrankreich der 20er-Jahre. Dort wird vor romantischer Kulisse wieder nobel debattiert, pointiert und diniert. Und natürlich verdreht ein junges Mädchen einem älteren Mann den Kopf. Dass diese diesmal sogar zaubern kann, macht das Werk aber nicht weniger seicht.

Sophie (Emma Stone) verkörpert in Woody Allens neuer Romantic-Comedy eine junge Frau, die hellsehen und zaubern kann.

 

Besagte neue Altherrenfantasie wird von der überaus talentierten Emma Stone verkörpert, die in „Magic In The Moonlight“ als eine Art Medium die intellektuelle amerikanische Oberschicht an der Côte d’Azur verzaubert. Sophie, so der Name der jungen Dame, vermag es, auf verblüffende Weise wahrzusagen, Gedanken zu lesen und Dinge schweben zu lassen.

 

Den dazugehörigen Herren gibt diesmal ein wundervoll grimmig-zynischer Colin Firth als Magier Stanley, seines Zeichens ein bekannter Illusionist, der unter anderem das Publikum im wilden Berlin jener Zeit begeistert. Als einer, der die Täuschung perfektioniert hat, wird Stanley im Auftrag eines Magierkollegen an die spätsommerliche Südküste Frankreichs bestellt, um Sophie zu enttarnen. Doch kommt es, wie es kommen muss: Stanley vermag es als Mann der pragmatischen Wissenschaft nicht, Sophies Tricks und Geheimnisse zu enthüllen und verfällt im weichen Licht der Provence nicht nur ihrer Zauberkunst, sondern auch ihrem Charme.

Illusionskünstler Stanley (Colin Firth) schaut sich die angebliche Hellseherin Sophie (Emma Stone) genauer an.

 

Abgesehen davon, dass Sophie sich überraschenderweise zuerst in den verheirateten Rationalisten verguckt, war es das mit Überraschungen im Drehbuch aber auch bereits. In der warm ausgeleuchteten Szenerie des ländlichen Südfrankreichs, in dem die Schönen und Wohlhabenden Zuflucht suchen und sich die Zeit mit allerlei Nichtigkeiten vertreiben, dümpelt die fade Handlung ebenso seicht dahin. Gelang Allen in „Blue Jasmine“ mit einer fantastischen Cate Blanchett als existenziell zugerichtete Ex-Reiche noch ein Ausbruch aus seinem Standard-Repertoire, so kehrt er in „Magic In The Moonlight“ wieder in banale Muster zurück. Was an sich nicht schlimm wäre, schließlich gab es in Allens Spätwerk neben Perlen wie „Whatever Works“ oder „Midnight in Paris“ immer genau diese Art standardmäßiger Romantic-Comedy-Kost. So vermochten es „Vicky Cristina Barcelona“ und „To Rome With Love“, die unerträgliche mediterrane Leichtigkeit des Seins durch süffisante Überspitzung oder wendungsreiche Plots auf den Arm zu nehmen. Das neue Werk hingegen scheitern daran, die ermüdende Oberflächlichkeit zu brechen.

 

Zwar bemüht sich der Meister, der kurz vor dem Deutschlandstart seines neuen Werks 79 wurde, der Liebesgeschichte durch die Gegenüberstellung von Romantik und Zynismus, von Übersinnlichem und Rationalem einen philosophischen Dreh zu verleihen. Doch abgesehen von der englisch-pragmatischen Eleganz, mit der Colin Firth zu beeindrucken weiß, und der berechnenden Unschuld vom Lande, die Emma Stone so liebenswert wie ambivalent zu spielen in der Lage ist, bleibt davon nichts hängen. Sophie zaubert, Stanley zweifelt, Sophie erweicht, Stanley weicht aus, und so weiter und so fort.

Eigentlich ist Stanley (Colin Firth) ein bekannter Magier, der verkleidet beispielsweise im Berlin der 20er auftritt.

 

Sicher: Das ist allemal nette Unterhaltung, definitiv hundert Mal besser umgesetzt als der sonst veröffentlichte Rom-Com-Schmarrn – und dennoch trotz des versucht ambitionierten Endes enttäuschend. Denn im Hinterkopf hängt immer der kleine Woody, der einen daran erinnert, dass er an Tiefe, Emotionalität und Relevanz schon weitaus Bedeutenderes abgeliefert hat. Vielleicht im nächsten Jahr wieder, wenn es erneut mit Emma Stone und in den USA um Akademiker und die Arbeiterklasse geht.

 

Text: Maximilian Haase
Fotos: © 2014 Gravier Productions / Warner / Jack English
Quelle: teleschau – der mediendienst
Woody Allen kehrt zurück ins mediterrane Europa: In "Magic In The Moonlight" soll ein Magier ein Medium entzaubern. Stattdessen wird er verzaubert.

 

 
 
 
Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Magic In The Moonlight
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Warner
Laufzeit: 98 Min.