Außen Junge, innen Mädchen – oder nicht?

Was er in den Farbklecksen sehe, wird Guillaume beim Rohrschach-Test gefragt. „Zwei Ratten, die sich gegenseitig auffressen“, entgegnet er wie selbstverständlich. Die Psychologin ist entsetzt. „Für die meisten ist das ein Schmetterling.“ Guillaume zeigt sich flexibel. „Ach ja? Dann nehmen wir den Schmetterling.“

Man kann gar nicht anders, als den entgeisterten Blick seines Gegenübers wegzulachen. Ich sehe etwas, was du nicht siehst: Aus dem Namen eines alten Kinderspiels gewinnt Guillaume Gallienne als Regisseur und Autor die Formel für den umwerfenden Witz seiner autobiografischen Komödie „Maman und Ich“ – mit sich selbst in der Titeldoppelrolle.

Im Mädchenchor findet sich Guillaume (Guillaume Gallienne) am besten aufgehoben.

 

„Jungs und Guillaume – kommt zu Tisch!“ So ruft Maman ihre drei Söhne. Muss Guillaume durch die Extrabenennung nicht den Eindruck gewinnen, er habe ein anderes Geschlecht als seine beiden Brüder? Wenn er aber ein Mädchen ist, will er einmal werden wie Maman – so schön, so kokett, so selbstbewusst, energisch und arrogant.

 

Trotz eines zweifelsfrei jungenhaften Äußeren sieht und empfindet er sich ganz weiblich. Auf der englischen Privatschule schwärmt er für den Sportler Jeremy (Charlie Anson) und imitiert mit Vorliebe die österreichische Märchenkaiserin Sissi. Vor dem Militärdienst bleibt er bewahrt. Aber sein Mädchen-und-Maman-Fimmel ruft eine Reihe schräger Psychiater, Psychologen und Psychoanalytiker auf den Plan, die ihn ordentlich durch die Therapiemühle drehen. Maman, immer präsent, und sei es in Zwiegesprächen, hält ihn derweil für homosexuell. Guillaume ist geneigt, ihr zu glauben, bis ein paar kleine Worte, wie beiläufig von einer Freundin fallen gelassen, alles auf einen Schlag ändern.

Maman (Guillaume Gallienne) hat am liebsten ihre Ruhe ...

 

„Maman und Ich“ klingt wie eine jener frech-frivolen Travestieshows, mit denen Touristen an die Hamburger Reeperbahn gelockt werden, die an opulenten Musicals kein Interesse haben. Tatsächlich ging Guillaume Gallienne mit seinem Stoff zunächst auf die Bühne, und auch der Film beginnt als Nabelschau und Suche nach der eigenen sexuellen Identität auf dem Theater. Der hochtalentierte französische Schauspieler, hierzulande kürzlich in „Yves Saint Laurent“ zu sehen gewesen, spielt im Prinzip wie in einem Ein-Personen-Stück als Erwachsener, der sich in Kind und Mutter aufspaltet, die eigenen Irrungen und Wirrungen durch. Mit den Mitteln des Kinos geht es jedoch schnell über die Rampe hinaus in die Buntheit der äußeren Welt, in der Guillaume seinen Platz nicht findet – traumatisiert von aufdringlichen Schwulen, Autoritätspersonen wie dem machohaften Vater (André Marcon), dominanten Blondinen (Diane Kruger als „Schwester Ingeborg“) und natürlich von Maman.

 

Von ähnlichen Erkundungen rund ums Genitale unterscheidet sich „Maman und Ich“ durch das hohe Niveau. Die Selbstwerdung Guillaumes folgt einer ebenso vergnüglichen wie genuin französischen Dialektik der Selbstwerdung zwischen innerem Empfinden und äußerer Erscheinung. Vor jeder Plattheit entschlüpft Galliennes Regiedebüt in die luftigen Höhen geistreicher Anspielung auf Sigmund Freud, Woody Allen und Luis Buñuel. Vor allem aber gelingt nicht nur die Befreiung von Maman, sondern auch eine wunderbare Liebeserklärung an die Frauen. Auf den Bahnen von Guillaumes wildem Räsonieren, unterstützt von Slowmotion, entdeckt man den unwiderstehlichen Reiz der Frauen in ihrer Art … zu atmen. Wurde je die erotische Wirkung der Frauen geschmackvoller enthüllt? Oder witziger?

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Les garçons et Guillaume, à table
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Concorde
Laufzeit: 87 Min.