Mein Bauch gehört dir (nicht)

Wenn sie gewusst hätte, was ihr bevorsteht, wäre Melody (Lucie Debay) vielleicht doch nicht Leihmutter geworden. „Sie tun mir weh“, sagt sie, mit gespreizten Schenkeln auf einem Gynäkologenstuhl sitzend, während ihr eine ukrainische Ärztin eine befruchtete Eizelle implantiert. Über diese Frau beschwert Melody sich gar nicht, sondern über Emily (Rachael Blake), ihre reiche Auftraggeberin, die daneben steht und Melodys Hand allzu fest in der ihren hält. Die Geste hat Symbolwert. Melody fühlt sich in Besitz genommen von der taffen Managerin, deren Kind sie austragen soll. Doch so eine Abhängigkeitsbeziehung lässt sich auch umkehren. „Melody’s Baby“ berührt als sensibel gespieltes Kräftemessen – trotz mancher Vagheit über die Motive.

Mit Beginn der Schwangerschaft kommt es zwischen Melody (Lucie Debay, links) und Auftraggeberin Emily (Rachael Blake) zu Konflikten.

 

Melody, 28, ist eine junge belgische Friseurin, die nichts besitzt als das, was sie am Leib und in ihrem Rucksack trägt. Aber sie hat einen Traum: einen eigenen Friseursalon. Der würde sie 30.000 Euro kosten. Bei Hausbesuchen älteren Damen die Haare zu färben, bringt bei weitem nicht genug ein. Also bewirbt sich Melody mit nettem Foto und dem Hinweis, sie habe bereits eine gesunde Tochter zur Welt gebracht, im Internet. Und wird von der reifen Emily kontaktiert, die als hochbezahlte Führungskraft bei einer englischen Schifffahrtslinie arbeitet und sich sehnlich ein Kind wünscht.

 

Die Implantation gelingt, Melody wird schwanger – und ergreift die Initiative. Sie reist nach England, um von Emily eine erhebliche Teilzahlung zu fordern und sich in ihrer modernistisch kühlen Villa einzunisten. Emily fügt sich. Aus Furcht, denn künstliche Befruchtung ist im Vereinigten Königreich für Singles strafbar. Wider Erwarten finden sich die Frauen bald sympathisch. Doch zu Emilys Entsetzen erhebt Melody Ansprüche auf das Kind, das in ihr heranwächst. In einem einsamen Haus an felsiger Küste droht der Konflikt zu eskalieren.

Hin und wieder sieht es jedoch so aus, als könnten Emily (Rachael Blake, links) und Melody (Lucie Debay) Freundinnen werden.

 

Weshalb Melody sich nicht nur biologisch, sondern auch emotional als Mutter sieht, erklärt der Film nicht. Macht sie einen Sinneswandel durch, schwankt sie innerlich? Regisseur und Autor Bernard Bellefroid vermag dies nicht zu zeigen. Ausgangspunkt seines Films ist ein entrücktes Bild von Melody in Unterwäsche und Embryohaltung. Zurecht erahnt man hier die Geschichte einer Entwicklung. Aber Bellefroid entscheidet sich nicht: Will er die Aufgabe verstandesmäßig angehen, mit zwei Frauen, die clever ihre Pläne verwirklichen? Oder psychologisch, mit Fokus auf die Persönlichkeitswandlung Melodys? Oder konkret aus dem Bauch heraus, mit einer Melody, die argwöhnisch den eigenen Körper nach ersten Schwellungen abtastet, und einer Emily, die in der Badewanne einen Schwangerschaftsbauch simuliert? Keinen dieser Wege hält er konsequent durch.

 

Erstaunlicherweise fallen diese Mängel kaum ins Gewicht. Denn die hervorragenden Darstellerinnen reißen einfach mit. Minimale Empfindungsveränderungen spiegeln sich in der zarten Mimik Lucie Debays, deren Melody äußerlich verletzlich wirkt, aber einen starken Willen hat. Währenddessen will Rachael Blakes Emily bisweilen fauchend ihre gesundheitlichen Probleme hinter einem harten und bestimmten Auftreten verbergen. Vor einer unaufdringlich Anteil nehmenden Kamera verkörpern sie zwei denkbar unterschiedliche Frauen. Deren Auseinandersetzung nährt die Sorge um das neue Leben, das sie eigentlich möglich machen wollen.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

"Melody's Baby" schildert die ambivalente Beziehung zwischen einer Leihmutter und ihrer Auftraggeberin.

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Melody
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: MFA / Filmagentinnen
Laufzeit: 92 Min.