Bis die Liebe siegt

Meist bewahrt Monsieur Claude Verneuil (Christian Clavier) ganz gut die Fassung. Aber das Geschenk des jüdischen Schwiegersohns David (Ary Abittan) ist für den erzkonservativen, reichen, in Ehren ergrauten Notar aus der Provinz doch starker Tobak: die Vorhaut seines beschnittenen Enkelsohns. Murrend schickt er sich an, gemäß dem Ritus das gute Stück in seinem Garten zu begraben.

Nur ist der Hund schneller. Erst als Monsieur Claude einen ihm sehr passend erscheinenden Ersatz findet, kehrt sein Humor zurück. Selten geht es in der Multikulti-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ so drastisch, grimmig und turbulent zu, immer aber schonungslos. Kein Klischee über Hautfarbe oder Konfession wird ausgelassen, alle bekommen ihr Fett weg. Der Mut zur Provokation beeindruckt dabei mehr als der Witz.

Monsieur Claude Verneuil (Christian Clavier) und Gattin Marie (Chantal Lauby) warten auf den ersten katholischen Schwiegersohn.

 

In den Zeiten der Globalisierung fällt die Liebe ihrer Töchter dorthin, wo der gut situierte Gaullist Monsieur Claude und seine nicht weniger distinguierte Gattin Marie (Chantal Lauby) sie nicht so gerne keimen sehen. Odile (Julia Piaton) verheiratet sich mit David, Ségolène (Emilie Caen) wählte den chinesisch-stämmigen Chao (Frédéric Chau) und Isabelle (Frédérique Bel) den Muslim Rachid (Medi Sadoun). Alles Franzosen – nur für Monsieur Claude nicht ganz die richtigen, auch wenn sie die Marseillaise zu schmettern wissen.

 

Wenigstens Laure (Elodie Fontan), die vierte Tochter, soll einen Katholiken heiraten. Dazu ist Laure durchaus bereit. Nur eben nicht den Schnösel, den ihre Eltern ausgeguckt haben, sondern einen Schauspieler – den Schwarzen Charles Koffi (Noom Diawara). Vater Claude und Mutter Marie stehen unter Schock, und auch die schon etablierten Schwiegersöhne fragen sich, ob mit der anstehenden neuen Verbindung der ethnisch-religiöse Regenbogen nicht überspannt wird.

Die hübschen Töchter haben beim Heiraten ihren eigenen Kopf. Von links: Frédérique Bel, Elodie Fontan, Julia Piaton und Emilie Caen.

 

Auf Davids Handy ist die Titelmelodie des Louis-de-Funès-Films „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ als Klingelton eingestellt. Gelächtertechnisch ist „Monsieur Claude und seine Töchter“ vom Klassiker gegen Rassismus und für Toleranz jedoch Lichtjahre entfernt. Mit welcher Selbstverständlichkeit sich hier Juden, Muslime und Katholiken, Asiaten, Weiße und Schwarze Abschätzigkeiten um die Ohren hauen und kampfsportlich ihre Dominanzduelle austragen, bereitet neben Amüsement auch viel Irritation. Der riesige Erfolg des Films im Herstellungsland Frankreich lässt sich vielleicht nur damit erklären, dass er auf die Leinwand bringt, was in vielen Köpfen unausgesprochen herumspukt.

 

Die Strategie systematischer Abnutzung der Stereotypen, bis der Mensch hervorkommt und die Liebe siegt, geht dennoch auf. Oder zumindest einigermaßen. Hauptdarsteller Christian Clavier ist dafür Bedingung und Begrenzung. Großartig nuanciert gibt er den Traditionalisten, der liberal sein will, aber es nie ganz schafft, der sarkastisch provozieren und gleichzeitig erstklassiger Streitschlichter sein kann. Aber er verkörpert diesmal nicht den listigen Asterix („Asterix & Obelix gegen Caesar“, „Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“), der den Mächtigen Streiche spielt, sondern einen Patriarchen, der auf seiner Macht beharrt.

Nicht ohne Bedenken stellt Laure (Elodie Fontan) ihren Bräutigam Charles (Noom Diawara) ihrer Mutter (Chantal Lauby, rechts) vor.

 

Über das Glück von Laure und Charles entscheiden letztlich Monsieur Claude und sein afrikanisches Alter Ego, Charles’ Vater André (Pascal N’Zonzi). So offensiv „Monsieur Claude und seine Töchter“ mit allen Kulturkreisen umgeht, so festgefügt ist die Hierarchie zwischen Alt und Jung. Lang ist’s her, dass die Tochter des (falschen) Rabbi Jacob mit ihrem Bräutigam einfach davonfliegen konnte.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 97 Min.