Kunst und Krempel

Ein „ewig Rätsel“ wolle er bleiben, hatte Ludwig II. einmal über sich gesagt. Dem Bayernkönig ist das gelungen, bis heute. In „Mülheim Texas“ will Filmemacherin Andrea Roggon einen anderen, nicht weniger exzentrischen Charakter entschlüsseln: Helge Schneider. Der fährt in ihrer Doku, anders als Ludwig, zwar nicht in einem überdimensionalen Schwan durch künstlich angelegte Grotten, sondern in einem Ruderboot über die wenig mondäne Ruhr. Ein Rätsel zu bleiben gelingt aber auch ihm.

Texas ist für Helge Schneider ein Sehnsuchtsziel. Warum? Darauf gibt auch "Mülheim Texas" keine Antwort.

 

Niemand, philosophiert Helge Schneider, wolle Vincent van Gogh beim Einkaufen sehen. Warum sollte sich also jemand für sein Privatleben interessieren? Dabei hatte sich Filmemacherin Andrea Roggon so schöne Fragen überlegt, die sie der „singenden Herrentorte“ stellen wollte. Für das Interview hatte sie Schneider vor einem schwarzen Hintergrund platziert, der ihn wirken lässt wie einen Zeitzeugen bei „ZDF-History“. Und dann das: Schneider will nicht. Er schmollt, bekommt den Mund nicht auf, schimpft. „Das interessiert doch keinen“, meckert er in die Kamera. Warum er sich überhaupt auf die Dokumentation eingelassen hat, bleibt sein Geheimnis.

 

Roggon dokumentiert all das – und damit auch ihr eigenes Scheitern. Schließlich behilft sie sich damit, die Kunstfigur Helge Schneider zu porträtieren, nicht den Menschen. Über den erfährt man in 90 Minuten Film nicht viel mehr als das wenige, das Schneider doch noch zu entlocken ist: 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, nahm er zu Beginn seiner Karriere Hörspiele im Keller eines Freundes auf, imitierte dabei die Rheinländischen „Oppas“, die er in den Cafés der Stadt beobachtete. Irgendwann kam dann das „Katzeklo“, der Rest ist Geschichte. Als Kind, sagt Schneider, sei er ein Außenseiter gewesen, ein Image, das er bis heute erfolgreich kultiviert. Überhaupt scheint die Kunstfigur Helge Schneider gänzlich aus kultivierten Marotten zu bestehen.

Helge Schneider nimmt in der texanischen Wüste ein Bad - und philosophiert über seine Körpergröße.

 

Und die lässt Andrea Roggon ihn ordentlich ausleben. Da darf Schneider wie ein großes Kind einen Zirkusanhänger in seinem Garten umparken oder in Badehose durch die texanische Wüste spazieren. Interessant wird „Mülheim Texas“, als Roggon ihren Protagonisten bei der Vorbereitung auf einen seiner Auftritte beobachtet. Dann nämlich wird der Komiker Helge Schneider zum gnadenlosen Pedanten. Wenn er mit seiner Jazzband probt, geriert er sich als kleiner Diktator, der jeden Fehler knallhart analysiert. Nur, um dann später auf der Bühne den Badehosenboogie zu singen. Perfektion, sagt Schneider, ist für ihn ein perfekt wackeliger Tisch.

 

Ist das, was Schneider da macht, nun Kunst, oder kann das weg? Diese Frage versucht Roggon erst gar nicht zu beantworten. Der Humor des Helge Schneider spaltet seit jeher, erklären lässt er sich kaum. So begnügt sich auch Roggon damit, den Meister mit Ausschnitten aus seinen Filmen und Bühnenauftritten selbst zu Wort kommen zu lassen, anstatt ihn zu analysieren. Für Helge-Schneider-Fans ist das alles zweifelsohne unterhaltsam. Mehr aber auch nicht.

 

Text: Sven Hauberg / Fotos: © Piffl / Petra Lisson
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

"Mülheim Texas - Helge Schneider hier und dort" will den Menschen Helge Schneider porträtieren - kratzt aber nur an der Fassade.

 

 

 

Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Piffl
Laufzeit: 93 Min.