Zwischen alten Tapeten

„Nachthelle“, ist das mutige Werk eines jungen Regisseurs. Im einsamen Osten, der von der Öffentlichkeit unbeachtet vor sich hin verfällt, drehte Florian Gottschick ein bildstarkes Werk. Dabei gönnt er sich viele Freiheiten, die keineswegs nur rein sexueller Natur sind. Vier Menschen lässt Gottschick aufeinanderprallen und schafft dabei weder Amour fou noch Ménage-à-trois, sondern mehr.

 

Zwei Paare treffen sich: Anna (Anna Grisebach) und Stefan (Vladimir Burlakov) kommen aus der Stadt, er ist wesentlich jünger. Sie treffen tief im Osten auf dem Anwesen der verstorbenen Tante auf Bernd (Benno Fürmann) und seinen Freund Marc (Kai Ivo Baulitz). Ja, die beiden sind schwul. Die prekäre Note: Bevor Bernd das bemerkte, war er mit Anna zusammen, sie war seine erste große Liebe. Eine Liebe, von der Anna Stefan nie etwas erzählte. Eine Liebe, die auch Bernds freiheitsliebender wie manipulativer Freund Marc genau beobachtet. Denn eines wird in den gemeinsamen Tagen in der sterbenden Provinz klar: Anna und Bernd haben einen Wissensvorsprung, erlebten gemeinsam Dinge, die sie prägten und von denen ihre Partner keine Ahnung haben.

Nachthelle

 

Zwischen alten Tapeten kommen in einer abgeschiedenen Welt, die aus der Zeit gefallen scheint, vergangene Erlebnisse ans Licht. Nun mag es etwas konstruiert klingen, dass Marc Psychologe ist und mit seinem Können gerne spielt. Er übertreibt und geht an Punkte, die wehtun. Doch Kai Ivo Baulitz macht das gut, oder wie Benno Fürmann es im Film beschreibt: Er schnippt mit den Fingern, und alle sind hin und weg. Nur Anna ist nicht begeistert, dass er in ihrer Vergangenheit herumstochert. Sie ist die zentrale Figur des Psychodramas, das zunächst mit mystischen Elementen spielt und mit wenigen verstörenden Bildern Fragen aufwirft.

Benno Fürmann ist immer wieder für kleine Filme zu haben - und die sind meist reizvoll, wie das Drama „Nachthelle“ zeigt.

 

In der ersten Phase plänkelt und provoziert der Film vor sich hin. Fragen werden mit Gegenfragen beantwortet, Rotweinflaschen entkorkt, um die Situation zu verschärfen und sexuelle Untertöne einzuflechten. „Liebst du mich“-Fragen und ein seltsam pubertäres Interesse am Schwulsein lassen „Nachthelle“ ein wenig angestrengt wirken.

 

Doch dann kommt Gottschick ziemlich überraschend dorthin, wohin er möchte: in die Psyche seiner Hauptdarstellerin. Mit diesem präzise inszenierten Ausflug in Traumbilder verschreckt er diejenigen, die sich auf heiße Sexszenen zu viert eingestellt haben. Mit der beinahe sprachlosen Erzählung stellt er seinen ganzen Film auf den Kopf und gibt ihm ein neues Gesicht.

Benno Fürmann ist immer wieder für kleine Filme zu haben - und die sind meist reizvoll, wie das Drama „Nachthelle“ zeigt.

 

Er geht zurück in die jüngere und ältere Vergangenheit und füllt Lücken, sein Drama nimmt therapeutische Züge an, die wohldurchdacht sind und den Zuschauer im Unterbewussten treffen. In einem cleveren Finale geht es ums Kapitulieren und Siegen, darum, sich selbst zu verstehen und sein Leben zu leben, auch wenn man man stets klaffende Wunden lecken will. Die neue Draufsicht auf das zuvor so verworrene Zusammentreffen ist eine Lehrstunden in Sachen Eifersucht und Besitzdenken. Das hätte man in diesem Drama, das sich lange unter Wert verkauft, nicht erwartet. Ein sehr gelungenes Debüt!

 

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos:© Daredo Media, Patryk Witt,
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Nachthelle_4

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Nachthelle
Genre: Drama
Freigabealter: ab 12 Jahren
Verleih: Daredo Media
Laufzeit: 87 Min.