Zum Leben erweckt

Das Buch ist besser! So schallt es Filmemachern häufig vom belesenen Publikum nach. „Nachtzug nach Lissabon“ nach dem Roman von Pascal Mercier dürfte keine Ausnahme machen. Dabei zeigt Regisseur Bille August, der einen Oscar für den besten Auslandsfilm („Pelle, der Eroberer“) und zweimal die Goldene Palme von Cannes gewann, was er am besten kann: Weltbestsellern mit Tiefgang – wie zuvor „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ und „Das Geisterhaus“ – eine zweite Existenz auf der Leinwand einhauchen und ihr dramatisches Potenzial optimal ausschöpfen.

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An einem äußerst regnerischen Morgen in Bern reißt Raimund Gregorius (Jeremy Irons), ein älterer, kauziger Lehrer für alte Sprachen, eine junge Portugiesin (Sarah Bühlmann) zurück, die sich gerade von einer Brücke stürzen will. Er nimmt sie mit in die Klasse, in der er unterrichtet. Sie geht irgendwann – und vergisst ihren Mantel. In einer der Taschen steckt das Buch eines gewissen Amadeu de Prado, aus dem zwei Zugtickets nach Lissabon fallen. Kurz entschlossen reist Gregorius nach Portugal.

Schon nach diesen ersten zehn Minuten müssten glühende Verehrer des Romans aufschreien: Das ist im Buch doch ganz anders! Außer dass beide Brillenträger sind, hat schon Hauptdarsteller und Oscarpreisträger Jeremy Irons äußerlich nichts mit dem bei Mercier beschriebenen Gregorius gemein. Statt eine buchstabengetreue Adaption für die zwei Millionen Käufer des Werks allein im deutschsprachigen Raum zu liefern, erweckt das Drehbuch die Vorlage eben auf eigene Art zum Leben.

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Während der Roman mäandert und lose Fäden flattern lässt, gibt der Film der Hauptfigur einen romantischen Anlass zur Reise und der Geschichte dramatische Dichte mit thrillerhaften Zwischentönen. An die Stelle des etwas schwülstigen Wortzaubers und der ätherischen Gedankenakrobatik Merciers setzt Bille August Atmosphäre und faszinierende Zonen des Ungesagten, in denen Blicke und Gesten Gefühlsintensität zwischen den Charakteren aufbauen. Vor allem jedoch dient statt Gregorius’ Sprachpassion sein Interesse an Menschen als Auslöser seines Abenteuers.

Das wird von der Vorlage gedeckt und der Starbesetzung des Films gerecht. Gregorius lässt sich von geheimnisvollen, schuldbeladenen Personen erzählen, wer Amadeu de Prado (Jack Huston, „Boardwalk Empire“), der Autor des gefundenen Buches, zu Lebzeiten war. Unter inneren Qualen berichten ihm der Priester Bartolomeu (Christopher Lee), die Schwester Adriana (Charlotte Rampling), die Augenärztin Mariana (Martina Gedeck), der von der Geheimpolizei verkrüppelte Joao (Tom Courtenay), der Freund Jorge (Bruno Ganz) und schließlich die Geliebte Estefania (Lena Olin).

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Ein Puzzle vervollständigt sich allmählich: Während der portugiesischen Diktatur in den 1970er-Jahren versuchte sich Amadeu als Poet und behandelte als Arzt sogar verhasste Geheimpolizisten, obwohl er den Widerstand um die junge Estefania (Mélanie Laurent) unterstützt. Als er mit ihr ein Verhältnis begann, drohte die Eifersucht seines Freundes Jorge (August Diehl) eine Tragödie auszulösen. Der Rückblenden wird man nicht müde – man giert förmlich nach der ganzen Wahrheit, die sie enthüllen, und spürt das Nachvibrieren der Vergangenheit in der Gegenwart.

So wird also Merciers Roman durch den Film neu zum Leben erweckt: Amadeu durch die Erinnerungen und Gregorius durch den Zusammenklang von Sprachgenie und tätiger Humanität des Mannes, dessen Geschichte er erforscht. Sein Vorbild lässt ihn innerlich und äußerlich aus der Gelehrteneinsamkeit hinauswachsen, wie Jeremy Irons mit wunderbarer Sensibilität zeigt. Das ist sehr schön anzusehen und sehr ergreifend.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2013 Concorde Filmverleih / Sam Emerson
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Night Train to Lisbon
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Concorde
Laufzeit: 111 Min.