Ganz wohl sein Tag

Nein, das hätte auch nicht der größte Filmexperte prophezeien können, dass Axel Stein, der einstige Tom-Gerhardt-Sohn („Hausmeister Krause“) und Sidekick in Werken wie „Feuer, Eis & Dosenbier“ oder „Knallharte Jungs“, einmal eine anständige Rolle in einem Peter-Thorwarth-Film ergattern könnte. Doch schon in den ersten Minuten von „Nicht mein Tag“ fällt auf: Mit dem dicklichen Klamauk-Jungen, als der er die letzten 15 Jahre meist in Erscheinung trat, hat Steins Rolle diesmal wenig gemein – was nicht nur an seiner ungewohnt schlanken Linie liegt. Der nunmehr 31-Jährige spielt den vom Alltag gebeutelten Bankangestellten Till Reiners in einer so überzeugenden Manier, dass man beinahe verschmerzen könnte, dass Thorwarth-Spezi Ralf Richter nur in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist.

Entführungsopfer Till (Axel Stein, links) und Kleinganove Nappo (Moritz Bleibtreu) profitieren überraschenderweise voneinander.

 

Ralf Richter war es nämlich, der Thorwarths kultige Ruhrpott-Trilogie („Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“, „Was nicht passt, wird passend gemacht“, „Goldene Zeiten“) mit seinem ganz eigenen Charme einen besonderen Glanz verlieh. Und auch in den wenigen Szenen, die „Nicht mein Tag“ für ihn bereithält, streicht das Pott-Original jede Menge Lacher ein. Über die restliche Zeit liegt es aber an Moritz Bleibtreu und eben Axel Stein, für Thorwarth die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Till Reiners (Axel Stein) ahnt noch nicht, dass er als Geisel endlich sein Leben überdenken wird.

 

Wie gewohnt werden die Figuren des Drehbuchautors und Regisseurs nicht etwa gnadenlos überzeichnet, was „Fack ju Göhte“ aktuell so erfolgreich macht. Sie kommen stattdessen aus dem echten Leben. Das geht so weit, dass die Szenen an Tills Arbeitsplatz, der Volksbank Osthoven, geradezu an „Stromberg“ erinnern – inklusive schmerzhaften Fremdscham-Faktors. Nicht wenig trägt dazu Martina Eitner-Acheampong als Frau Odra bei – in der Serie bekannt als Erika Burstedt. Diese liebevolle Reminiszenz kommt nicht von ungefähr, stammt die Buchvorlage zum Film doch von „Stromberg“-Autor Ralf Husmann. Aus dem Roman strickte Thorwarth gemeinsam mit seinem „Bang Boom Bang“-Komplizen Stefan Holtz einen Film mit wunderschön trockenen Sprüchen, knackiger Situationskomik und einer unvorhersehbaren Story.

Anfangs versucht Nappo (Moritz Bleibtreu, links) das Geld für seinen Traum vom Mustang per Kredit zu bekommen. Als das nicht klappt, müssen andere Mittel her.

 

Diese handelt von besagtem Till Reiners, dem nicht nur der triste Arbeitsalltag zu schaffen macht, sondern auch ein farbloses Eheleben mit Ehefrau Miriam (Anna Maria Mühe). Lediglich Sohn Niko (Emilian Markgraf) vermag es, ihm noch ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Erst der im Filmtitel vermaledeite Tag liefert etwas Abwechslung: Der Gelegenheits-Gangster Nappo (Moritz Bleibtreu) überfällt Tills Bank und nimmt den Familienvater als Geisel. Noch kann keiner der beiden erahnen, welch’ großer Gefallen dem Opfer damit getan wird. Während der folgenden wilden Fahrt nach Amsterdam taut Till nämlich langsam auf und begreift die Entführung als Chance, dem täglichen Trott zu entfliehen.

In Amsterdam schließlich entwickelt sich der Film zu einem wilden Actionfeuerwerk mit einem Till (Axel Stein, links) unter Drogeneinfluss.

 

Doch nicht nur Till scheint von der ungewöhnlichen Zusammenkunft zu profitieren. Heimlich, still und leise offenbart Rüpel Nappo so etwas wie einen weichen Kern. Ein ihm zuvor unbekanntes Verantwortungsgefühl gegenüber der kaum zu stoppenden Geisel scheint ihn weichzukochen. Neben den Hauptfiguren durchläuft auch der Film an sich eine Wandlung: Zunehmend beginnt die Komödie zum dramatischen Actionfilm zu werden.

Der Gelegenheits-Gangster Nappo (Moritz Bleibtreu) überfällt Tills Bank und nimmt den Familienvater als Geisel.

 

Husmann-Buch hin oder her: „Nicht mein Tag“ ist zweifellos ein echter Thorwarth-Film. Zwar hätten die Frauenfiguren, etwa Tills Ehefrau Miriam oder Nappos Freundin Nadine (Jasmin Gerat), etwas mehr Tiefe und Aufmerksamkeit verdient – Ralf Richters „Langer“ sowieso. Doch wohl kein anderer deutscher Regisseur bekommt solch’ lebensnahe Hauptfiguren, genreübergreifende Wendungen sowie einen so trockenen Witz auf Leinwand gebannt.

 

Text: Max Trompeter / Fotos: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Sony
Laufzeit: 115 Min.