Fahrt ins neue Leben

Das Kinoplakat dürfte das Suggestivste und Subtilste an „No Turning Back“ sein. Nachtschwärze mit roten und gelben Lichtreflexen wie großen Tropfen, davor ein bärtiger Tom Hardy am Lenkrad eines Autos, sein Konterfei blau, grünblau und rötlich eingefärbt. Da macht wohl jemand in einer alles entscheidenden Nacht eine wichtige Entwicklung durch. Sieht das nicht nach einem tollen Drama aus? Viele angelsächsische Lobeshymnen deuten darauf hin. Doch in dem Ein-Mann-Stück „No Turning Back“ erlebt man doch ein anderes Wunder als gedacht.

Ivan Locke (Tom Hardy) steckt ziemlich in der Klemme - aber er weiß sich auf integere Weise daraus zu befreien.

 

Am Abend im Auto, nach getaner Arbeit, erhält Baumeister Ivan Locke (Tom Hardy) einen Telefonanruf, der sein gesamtes bisheriges Leben ins Wanken bringt: So oder so ähnlich lauten die meisten Inhaltsangaben. Aber das ist schlicht falsch. Keineswegs wird Locke in etwas hineingezogen und überrascht. Es ist gerade Locke, der die Menschen um sich herum gehörig aus der Fassung bringt, und das mit guten Gründen und aus ganz eigenem Entschluss.

 

Gleich nachdem er seine Baustellen-Schutzkleidung samt Helm und dicken Stiefeln abgelegt hat, spricht Locke auf die Mailbox einer gewissen Bethan und kündigt sein Kommen an. Bethan, erfährt man im Telefonat, ist eine einsame Frau, die in dieser Nacht ein Kind von Locke zur Welt bringt. Dass er bei Bethan sein wird, wenn sie entbindet, will er im nächsten Gespräch seiner Frau Katrina beichten, die mit den gemeinsamen Söhnen Eddie und Sean einem Fußballspiel im Fernsehen entgegenfiebert und sich fragt, wo ihr Mann bleibt. Informiert werden müssen auch Vorarbeiter Donal und Lockes Chef, dass der Baumeister am nächsten Morgen beim Betonguss für das bislang größte Bauwerk Europas nicht zur Verfügung steht. Beide reagieren hysterisch.

Ivan Locke (Tom Hardy) steckt ziemlich in der Klemme - aber er weiß sich auf integere Weise daraus zu befreien.

 

Das Echtzeit-Drama „No Turning Back“, bei dem eine Minute Film ungefähr einer Minute Autofahrt entspricht, hat stellenweise sarkastischen Witz. Zudem hat Locke stattliche Probleme am Hals: Die amerikanischen Zentrale will ihn feuern, seine Frau die Scheidung, die One-Night-Stand-Frau macht den Kreißsaal verrückt. Während die meist schrillen Stimmen der anderen nur zu hören sind, sieht man „The Dark Knight Rises“-Bösewicht Tom Hardy als Ivan Locke sich müde die Augen reiben, aufs Lenkrad hauen oder mit entrücktem Blick mit seinem verstorbenen Vater hadern, dem verantwortungslosen Gesellen, den nur er auf der Rückbank sitzen sieht. Dabei geht alles nach Plan.

 

Der leicht wabernde Beat von Dickon Hinchliffe, sprühende Lichtreflexe und Impressionen von der Autobahn vor Haris Zambarloukos Kamera insistieren darauf, dass noch etwas Unvermutetes geschehen könnte. Aber das grenzt an Irreführung. Locke erweist sich als Baumeister seiner zweiten Lebenshälfte, kühl, überlegt, entschlossen, nicht unbedingt glücklich, aber integer. „Existenzialistisch“ nennt jemand den Film beim Rausgehen, um dann abzuschwächen: „Naja, in Ansätzen.“ „No Turning Back“ ist eher etwas aus dem Reich des „Boulegarde“. Während das Thema Lebenskrise mit der Sprache und Dramaturgie des gehobenen Boulevardtheaters gemeistert wird, sorgt die Reduktion aufs Auto als Schauplatz für einen Hauch von Avantgarde. Dabei wäre mit etwas mehr Understatement vielleicht wirklich ein kleines Kunstwerk über ganz alltägliche Dramen herausgekommen.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Locke
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 84 Min.