Biblisches Spektaktel

130 Millionen Dollar für ein Schiff, das die Schöpfung bewahrt: Seit Kindestagen, sagt Darren Aronofsky, sei er von „Noah“ fasziniert. Nun schickt der New Yorker den biblischen Weltenretter in ein Kinoereignis von alt-testamentarischer Wucht – mit Blockbuster-Budget und prominenter Darstellerriege: Russell Crowe in der Titelrolle und Jennifer Connelly als Noahs Frau Naameh müssen nicht nur die Arche bauen, sondern ihre Familie auch vor dem von Ray Winstone gespielten Bösewicht Tubal-Kain beschützen. In weiteren Rollen sind Emma Watson, Logan Lerman und Sir Anthony Hopkins als Methusalem zu sehen.

Wenn der Regen kommt: Russell Crowe beordert als Noah seine Familie auf die Arche.

 

Mit „Pi“ und „Requiem For A Dream“, mit „The Wrestler“ und „Black Swan“ hat Aronofsky seit 1998 konsequent seine eigenen Visionen als Filmemacher umgesetzt. Aronofsky hatte immer alle künstlerischen Freiheiten und nutzte sie auch – für verstörende, überraschende und oft großartige Werke. Auch „Noah“ ist konsequent und Aronofskys ureigene Vision. Gewaltig, brutal und kompromisslos.

Naameh (Jennifer Connelly) gibt ihren Mann Noah (Russell Crowe) Kraft, Hoffnung und Liebe

 

Dass der Film 130 Millionen Dollar gekostet hat, sieht man ihm an: „Noah“ ist ein gewaltiges, ein tosendes Spektakel, in dem leise Töne keine Chance haben. Darren Aronofsky interpretiert die relativ kurze Noah-Episode aus dem Buch Genesis frei, erfindet eine große Schlacht, fantasiert sich einen Erz-Bösewicht dazu und schwelgt in visuellen Spielereien, die teilweise beeindruckend sind und teilweise so kindlich und naiv, dass man sich verwundert die Augen reibt.

Methusalem (Sir Anthony Hopkins) wünscht sich von Noahs Sohn Sem (Gavin Casalegno) frische Beeren.

 

Überhaupt ist „Noah“ ein wundersamer Film, der im vornehmen Gewand eines staatstragenden Epos’ sowohl Actionspektakel ist als auch eine spirituelle Lehrstunde. Aronofsky lässt Noah über das Wesen des Glaubens sinnieren und daran zweifeln, dass die Menschheit einer Rettung durch den Schöpfer würdig ist. Russell Crowe ist in dieser Rolle zugleich hemdsärmliger Schiffsbauer, fürsorglicher Familienvater und gottesfürchtiger Umweltaktivist, der sich in seiner Sache verrennt. Und nebenbei muss er sich noch des mordlüsternden Königs Tubal-Kain und seiner finsteren Heerscharen erwehren.

Gottes Plan findet Noah (Russell Crowe) zum Niederknien.

 

Parallelen zur heutigen Zeit sind in „Noah“ unübersehbar und mit aller Macht gewollt, nicht nur, was Umweltzerstörung und menschliche Grausamkeiten angeht. Sondern auch, was die Interpretationshoheit über Gottes Willen angeht: Der hatte Noah beauftragt, die Arche zu bauen, um die Schöpfung zu retten. Ob allerdings die Menschen der Rettung würdig sind, müssen der verbitterte Patriarch und seine hoffnungsvolle Familie nach heftigen, blutigen und tränenreichen Auseinandersetzungen selbst entscheiden. Dieser mit einer gehörigen Portion Pathos aufgeladene Konflikt ist der Kern des Films, hier erkundet Aronofsky, was den Menschen ausmacht. Hier geht es um Barmherzigkeit und die Freiheit des Willens, vor allem aber um die Frage, ob die Menschheit eine Zukunft hat.

Ila (Emma Watson) spielt eine ganz besondere Rolle in der Planung des Schöpfers.

 

Man muss Aronofskys Vision nicht teilen. Sie ist ziemlich ungestüm und lässt keinen Platz für eigene Interpretationen. Aber bei allem Kopfschütteln kann man sich dem laut dröhnenden Film einfach nicht entziehen. „Noah“ ist ein fesselndes Stück Unterhaltungskino, das sich sehr ironiefrei der Mechanismen moderner Fantasy-Blockbuster bedient: mit epischen Schlachten in „Herr der Ringe“-Optik, computer-generierten Wirklichkeiten, einem zweifelnden Helden und einem finsteren Erzfeind. Auch wenn es bei Testvorführungen viele kritische Bewertungen gegeben hatte und christliche Gruppen in den USA Sturm gegen „Noah“ liefen: Am Startwochenende in den USA war der Film die unangefochtene Nummer eins im Kino und spielte in nur drei Tagen 44 Millionen Dollar ein.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © 2013 Paramount Pictures / Niko Tavernise
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Noah
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Paramount
Laufzeit: 138 Min.