Wirklichkeit, neu erschaffen

Als „Nordstrand“ letztes Jahr beim Filmfest Hamburg aufgeführt wurde, zeigte sich das Publikum in der anschließenden Diskussion ergriffen – und verblüfft. Nein, die Dialoge, die so authentisch klängen, seien nicht improvisiert. Man habe an dem schön geschriebenen Drehbuch kaum etwas geändert, beschieden die Hauptdarsteller. Und für den Drehort, ein lange unbewohntes Haus auf Norderney mit dickem Schimmelpilz an der Decke, habe der Setdesigner eine im Laura-Ashley-Stil gehaltene Villa komplett umgestaltet, erklärte der Regisseur und Autor Florian Eichinger. Der kreativen Kraft aller Beteiligten, Wirklichkeit nach Maßgabe der Fiktion neu zu erschaffen, verdankt sich die hohe Qualität von „Nordstrand“, Eichingers zweitem kammerspielartigen Drama nach „Bergfest“ (2008) in geplanter Trilogie zum Thema „häusliche Gewalt“.

Das Brüderpaar Volker (Daniel Michel) und Marten (Martin Schleiß, rechts) hat wenig gemeinsam - außer einer gewalttätigen Kindheit.

 

Die beiden Brüder, deren Wiedertreffen im verlassenen Elternhaus an der Nordsee von einer brutalen Vergangenheit und Gegenwart überschattet wird, könnten als Typen kaum besser getroffen sein, ohne je klischeehaft zu wirken. Mit angestrengt geheucheltem Interesse erkundigt sich der langhaarige, tätowierte Musiker Marten (Martin Schleiß) nach dem bürgerlichen Beruf des Jüngeren. Er faselt von einer unglücklichen Liebe als seiner „persönlichen schwarzen Katze“, als würde er sich auf der Bühne bei der Ansage seines nächsten Songs noch schnell um Kopf und Kragen reden. Volker (Daniel Michel) gibt sich sachlich und ist wortkarg bis zur Unfreundlichkeit. Ganz der Tüftler, denkt man, der die Firma, für die er als Industriedesigner tätig ist, mit businesstypischen Floskeln als „so groß wie Procter und Gamble, nur dass sie keiner kennt“ beschreibt.

Volker (Daniel Michel, Mitte) wird von seiner Mutter (Anna Thalbach) und Bruder Marten (Martin Schleiß) versorgt, nachdem ihn der Vater geprügelt hat.

 

Gerade weil man mit ihrer Art zu reden und sich zu geben auf so vertrautem Fuße zu stehen meint, überrascht umso mehr die Tragödie ihres Lebens, die sich langsam entfaltet. Rückblicke in die Kindheit von Marten und Volker mit Anna Thalbach als Mutter und Rainer Wöss als Vater führen zunächst auf die falsche Spur einer Komödie. Was wie Spiel begann, wurde für Volker zur Erfahrung väterlicher Grausamkeit, für Marten zur Qual des Zusehens. Am Ende stand ein Mord.

"Köpchen ins Wasser, Füßchen in die Höh'", kommandiert Enna (Luise Berndt) die Brüder Marten und Volker. So humorvoll geht es in "Nordstrand" selten zu.

 

Das Gewesene, das ihnen traumatisch unter die Haut gewachsen ist, wollen die Brüder auf unterschiedliche Weise hinter sich lassen, was zum Zwist führen muss: Marten will zusammen mit Bruder und Mutter die Familie neu begründen, Volker das Haus verkaufen und seine Jugendliebe Enna (Luise Berndt), inzwischen verheiratet und Mutter, zurückgewinnen.

Enna (Luise Berndt) und Volker (Daniel Michel, Mitte) kommen nicht voneinander los - aber kommen sie auch wieder zusammen? Nicht nur Marten (Martin Schleiß) ist skeptisch.

 

Aufgrund von „Nordstrand“ nannte die Presse Regisseur und Autor Florian Eichinger schon in einem Atemzug mit Arthouse-Größen wie Christian Petzold und Andreas Dresen. Das ist einerseits schmeichelhaft, andererseits verdeckt es besondere Stärken. An Schludrigkeiten und Schnitzer im deutschen Kino gewöhnt, ist man hoch erfreut, dass es anders geht: naturalistisch in bestem Sinne, rustikal gespielt, mit Auge und Ohr für präzise Inszenierung und richtige Tonlage, mit einer realistischen, organischen, stimmigen Geschichte. Zusammen mit Katrin Gebbes „Tore tanzt“ könnte „Nordstrand“ fast schon Beispiel für eine neue, eine „Hamburger Schule“ des Filmemachens sein. Das Publikum dankt es. Ein Geschenk sei der Film, so eine Zuschauerin beim Filmfest Hamburg.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: Zorro Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 93 Min.