Geschundenes Lustwesen

Ganz ohne Skandal geht’s wohl nicht bei Lars von Trier: Zur Premiere des ersten Teils von „Nymphomaniac“ erschien Hauptdarsteller Shia LaBeouf mit Papiertüte auf dem Kopf auf dem roten Teppich der Berlinale. Zuvor verließ er die Pressekonferenz zum Film nach der ersten Frage mit einem Eric-Cantona-Zitat („Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie hoffen, dass Sardinen ins Meer geworfen werden“). Dabei sollte der Film alleine doch eigentlich Skandal genug sein – immerhin wurde schon seit Monaten über die Hardcore-Sexszenen gesprochen, die hier gezeigt werden: Die Genitalien der Schauspieler werden dabei von denen von Pornodarstellern überlagert. Tatsächlich bricht von Trier in seinem neuen Film wieder mal genüsslich Tabus. Sein Film zeigt zwar Sex in allen möglichen Spielarten, ist dabei aber alles andere als sexy – und trotzdem ein echtes Erlebnis.

 Mit Jerôme (Shia LaBeouf) erlebt Joe (Stacy Martin) erstmals Sex und Liebe.

 

„Vergiss die Liebe“, so der Slogan des Films. Aber stimmt das denn so? Ist Liebe wirklich nur Sex, garniert mit Eifersucht, wie die titelgebende Nymphomanin behauptet? Wenn ja, wie nimmt man dann echten Kontakt auf zu anderen Menschen, und wie zu sich selbst? – Willkommen auf der Couch. Lars von Trier lädt nicht zur Pornosession, sondern zur kühl inszenierten Psychoanalyse. Der Nymphomanin, ganz Körper und Sinneslust, stellt der Regisseur einen alten Bücherwurm gegenüber, hochintellektuell und völlig vergeistigt. Seligman (Stellan Skarsgard), so der Name des Sonderlings, liest die verletzte Joe (Charlotte Gainsbourg) buchstäblich auf der Straße auf. Er steckt die übel Zugerichtete erst mal ins Bett – damit sie sich ausschlafen kann, versteht sich. Bei zahlreichen Tassen Tee erzählt sie ihm schließlich ihre Lebensgeschichte: Wie ein Mädchen aus gutbürgerlichem Hause über den Umweg durch zahlreiche Betten in der Gosse landete.

 

Wer hier überall Freud und Jung um die Ecke lugen ahnt, sieht sicherlich keine Gespenster. Der muntere Dialog zwischen Es und Über-Ich findet zwar nicht auf der Couch, sondern auf dem Bett statt. Aber auch ansonsten gibt es zahlreiche Zeichen, die die Richtung weisen, das offensichtlichste wohl der Elektrakomplex der Hauptfigur. Getreu der Methode der freien Assoziation verknüpfen die Gesprächspartner überdies die Partnersuche der jungen Joe (Stacy Martin) mit Fliegenfischen oder den komplizierten Terminkalender der promisken Schönheit mit Bachschen Orgelkompositionen. Und bevor es allzu intellektuell wird, haut von Trier dem Zuschauer mit postpubertärem Holzhammerhumor (und trotzdem verdammt witzig) per Bildmontage noch eine stattliche Anzahl von Penissen um die Ohren. Dass der Film bei all seinen Verknüpfungen und Unterbrechungen, Gegensätzen und Referenzen immer nur aus dem Tritt gerät, um sich lustvoll in der nächsten schmutzigen Pfütze zu suhlen, ist dabei absolut beabsichtigt – eine beeindruckende Leistung.

Joe (Stacy Martin, rechts) und B (Sophie Kennedy Clark) suchen im Zug nach willigen Partnern.

 

Besonderes leisten insbesondere auch die Schauspielerinnen. Charlotte Gainsbourg hat sich mit ihrem mittlerweile dritten Film offenbar als Muse des einstigen Frauenverbrauchers von Trier etabliert – zu Recht: Ihr geschundenes Lustwesen brennt sich tief ins Gedächtnis, obwohl sie in diesem Teil kaum mehr zu tun hat, als in der Rahmenhandlung teeschlürfend die Erzählerin zu geben. Uma Thurman hat einen fantastischen und unheimlich komischen Kurzauftritt als betrogene Ehefrau, die zur tobenden Furie wird; ohne Frage gehören diese paar Minuten zum Besten, was sie je abgeliefert hat. Und Newcomerin Stacy Martin spielt mit ihrem müden Schlafzimmerblick die junge Joe angemessen hölzern, losgelöst und ohne Kontaktmöglichkeit zu anderen Menschen. Süchtig nach Berührung und immer unbefriedigt zieht sie durch Züge, durch Clubs und Büros. Das was sie hat, was sie bekommt, was die Männer ihr geben können: Es reicht einfach nicht.

Jerôme (Shia LaBeouf) wird von Sekretärin LIz (Felicity Gilbert, links) und Aushilfe Joe (Stacy Martin) gleichermaßen angehimmelt.

 

Ach ja, und der Sex. Er ist häufig, er ist nicht sehr interessant, man sieht alles und fühlt nichts, es fehlt einfach etwas in der Inszenierung, es fehlt – die Liebe. Als die dann doch noch auf den Plan tritt, ausgerechnet in Form des etwas schmierigen Möchtegern-Geschäftsmannes Jerôme (Shia LaBeouf), bekommt Joes Geschichte eine krasse Wendung – und bricht abrupt ab. Der Zuschauer bleibt unbefriedigt zurück und muss sich noch bis April gedulden, wenn Joe im zweiten Teil ihre Geschichte zu Ende erzählt.

 

Bis dahin kann man sich aber getrost den ersten Teil noch einmal ansehen. Wie Lars von Trier in seiner skurrilen Sitzung waghalsige Brücken schlägt zwischen der Fibonacci-Folge, Fliegenfischen und Ficken, verdient durchaus eine Wiederholung – zur tieferen Analyse, versteht sich.

 

Text: Sabine Metzger / Fotos: © Concorde Filmverleih 2014
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Nymphomaniac I
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Concorde
Laufzeit: 110 Min.