Triebe vs. Liebe

Wo waren wir stehen geblieben? – Im zweiten Teil seines kopflastigen Sexfilms „Nymphomaniac“ setzt Lars von Trier die Geschichte ebenso unvermittelt fort, wie sie im ersten Teil geendet hat. Joe (Charlotte Gainsbourg) erholt sich nach wie vor im Bett des ältlichen Wunderlings Seligman (Stellan Skarsgård), der sie in Teil 1 übel zusammengeschlagen in der Gosse fand. Nach wie vor erzählt sie ihm bei zahlreichen Tassen Tee ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte, nach wie vor führt der sonderbare Gastgeber immer wieder über wildeste Assoziationen in entlegenste Themengebiete. Und doch: Allmählich verschiebt sich etwas in Joes Geschichte, leider nicht unbedingt zum Besseren – weder für sie noch für den Film. Trotzdem bleibt auch dieser Abstieg ein sehenswertes Unterfangen.

Auf ihrer Suche nach Lust landet Joe (Charlotte Gainsbourg) auch an Orten, die ihr selbst nicht ganz geheuer sind.

 

Angeblich missbilligt Lars von Trier ja die Zweiteilung seines Films; er hätte lieber die fünfstündige Version am Stück in die Kinos gebracht. Und doch ist der Unterschied zwischen den zwei Filmen so augenfällig, als sei die Teilung von Anfang an beabsichtigt gewesen. Während im ersten Teil die junge Joe (dargestellt von der Newcomerin Stacy Martin) auf der Suche nach immer neuen sexuellen Abenteuern rücksichtslos die Leben anderer Menschen zerstörte – grandios etwa der Auftritt Uma Thurmans als betrogener Ehefrau -, wirft nun die gereifte Joe (Gainsbourg, immer noch beeindruckend kühl) ihr eigenes Leben ihren Trieben zum Opfer vor.

Die Liebe lässt Joe (Stacy Martin) und Jerôme (Shia LaBeouf, rechts) übermütig werden. Der Kellner (Udo Kier) nimmt's gelassen.

 

„Vergiss die Liebe“, so der Untertitel beider Filme. Trotzdem hatte Joe sie endlich gefunden, in den Armen des schmierigen Jerôme (Shia LaBeouf). Gleichzeitig allerdings musste sie dafür ihre Lust opfern. Dass das nicht lange gut gehen kann, ist keine große Überraschung. Die Entwicklung gipfelt in einem Szenario, das den Zuschauern von „Antichrist“ sehr bekannt vorkommen könnte. Joe entflieht der bürgerlich-häuslichen Dreisamkeit mit Mann und Kind, wann immer sie kann – und oft genug auch dann, wenn sie eigentlich nicht kann. Erste Station dabei: Das BDSM-Studio von K. – Jamie Bell spielt diesen bemerkenswert höflichen, schüchternen Sadisten und schafft gemeinsam mit Gainsbourg einige denkwürdige Szenen großer, bei aller Brutalität fast zärtlicher Intimität. Hier glaubt man der oft undurchsichtigen Joe wenigstens kurzzeitig etwas näher zu kommen.

Bei K (Jamie Bell) findet Joe (Charlotte Gainsbourg) eine neue Obsession.

 

Schade nur, dass der Rest des Films da nicht mehr ganz mithalten kann – und noch ziemlich lange dauert. Selbst der veritable Gangsterplot im letzten Kapitel von Joes Erzählung, in dem sie eine Nachfolgerin heranzieht, bringt zwar noch einmal ein wenig Tempo, kann aber auch nichts mehr retten: Die Stimmung, der Aufbau, die Figuren – nichts davon will so recht zum Rest des Films passen.

L (Willem Dafoe) nutzt Joes (Charlotte Gainsbourg) Talente für seine eigenen Zwecke.

 

Auch in der Rahmenhandlung zwischen den Kapiteln ändert sich die Dynamik: Seligmans amüsante Ausflüge in die Welt intellektueller Assoziationen werden seltener, dafür gewinnt er an Charakter. Unter anderem erfährt das Publikum endlich, wieso Joes Erzählungen ihn so eigentümlich kalt lassen. Jedoch: Immer öfter muss Seligman auch als von Triers Sprachrohr herhalten. Wer die „Nazi“-Debatte von Cannes um den Regisseur noch im Hinterkopf hat, wird Seligmans Unterscheidungen zwischen Antisemitismus und Antizionismus mit anderen Ohren hören. Auch bei einigen von Joes eigenwilligen Statements zum Thema Political Correctness und zur Verwendung des Wortes „Neger“ kann man geradezu hören, wie von Trier sich im Hintergrund die Hände reibt.

Joe (Charlotte Gainsbourg, rechts) erzieht sich die junge P (Mia Goth) zur Nachfolgerin.

 

In diesen Szenen, in denen der Regisseur die Figuren die Plädoyers halten lässt, die er selbst in der Öffentlichkeit nicht mehr wagt, glaubt man das erste Mal etwas zu sehen, was dieser sexuell entdeckungsfreudige, tabulose Film sonst nicht gezeigt hat: Missbrauch.

 

Text: Sabine Metzger / Fotos: © Concorde Filmverleih 2014 / Christian Geisnaes
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Nymphomaniac II
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Concorde
Laufzeit: 124 Min.